GUTE STADT °5

30. April 2015   |   VON: RedaktionKategorie: Die gute Stadt

Sinem Altan und Thalia Kellmeyer (Fotos: privat / M. Korbel)

Fragen an die »Gute Stadt«

Ein Werkstattbericht der Komponistin Sinem Altan und Regisseurin Thalia Kellmeyer über ihre Stadt-Oper, im Gespräch mit dem Dramaturgen Jonas Lindner:

Jonas Lindner: Wie ist die Idee zur Stadt-Oper entstanden?

Thalia Kellmeyer: Seit zweieinhalb Jahren haben wir uns überlegt, wie kann das Projekt einer Stadt-Oper aussehen: eine Oper, in der die ganze Stadt, in der Bürger mitwirken können, in der die Musik dieser Stadt auf der Bühne ist, in der eventuell Geschichten oder Anregungen oder Themen dieser Stadt auch behandelt werden. Was ist der Klang der Stadt? Welche Farben gibt es, welche Generationen, welche musikalischen Schwerpunkte? Das ist der Stoff und Ausgangspunkt für eine sogenannte Stadt-Oper. Und dabei haben wir versucht, ein breites Spektrum und viele Meinungen zu bekommen. Dazu haben wir Bürgervereine getroffen, Politiker, Obdachlose, Schüler, Jugendliche. Tina Müller, die Librettistin, hat eine erste, fiktive Geschichte geschrieben, die dann weiter entwickelt und immer mehr mit Leben gefüllt wurde.

Jonas Lindner: Hattest du, Sinem, schon vor diesem Projekt einen persönlichen Blick auf Freiburg?

Sinem Altan: Ich kam mit elf Jahren nach Deutschland, zunächst nach Berlin, bevor es mich zufälligerweise 2006 nach Freiburg gebracht hat. Ich kannte also die Stadt, allerdings als Studentin. Ich sah Freiburg als die mediterrane Seite Deutschlands, obwohl es das ja nicht gibt. Heute komme ich als Künstlerin in die Stadt und kann mich aus dem bereichern, was in der Stadt existiert, muss gleichzeitig aber auch meine eigene Linie hineingeben. Diese Art kreativer Prozess finde ich besonders spannend für alle Beteiligten, weil dieser Prozess durch die Einstudierung und die Entstehung immer wieder neue Identitäten, Ebenen und Perspektiven bekommt.

Thalia Kellmeyer: Im Herzen ist die Türkei deine persönliche und musikalische Heimat. Und hier bist du mit der klassischen, westlichen Musik konfrontiert worden. Das Thema Transkultur und Interkultur beschäftigt uns schon länger und wir fragten uns: Vermischen sich in Konzerten, die wir geben, die Kulturen oder bleiben diese nebeneinander bestehen? Wie setzt du das in der Stadt-Oper musikalisch um?

Sinem Altan: Diese Frage beschäftigt mich, seitdem ich Fuß in Deutschland gefasst habe. Für mich ist Musik Musik. Und Kulturen sind nicht unbedingt so unterschiedlich, wie sie vielleicht aussehen und sie haben viel mehr Verwandtschaft und Nähe als man ihnen zugesteht, genauso wie die Musikstile ja auch. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, was „interkulturell“ heißen soll. Schon die Türkei in sich ist ja sehr unterschiedlich geprägt. Auch bei der Frage nach meiner Identität ist das so. Sehr lustig ist z. B., wenn ich dann nach langer Zeit in der Türkei bin, dass ich angesprochen werde, wie deutsch ich geworden bin und umgekehrt mich immer wieder erklären muss, wie exotisch und orientalisch ich doch bin. Dies hat immer nur mit einer bestimmten Perspektive zu tun. Deshalb versuche ich auch, in meiner Musik solche Grenzen und Kategorisierungen ganz bewusst zu vermeiden und gehe auch immer mit einem gewissen Humor damit um. Und so ist es auch in der Stadt-Oper zu finden. Es ist keine einheitliche Sprache allein von mir oder Tina Müller, die den Text geschrieben hat. Es ist eine Sprache, die aus dieser Stadt und uns gemeinsam entstanden ist. Insofern sind sehr viele verschiedene Farben und Elemente zu finden, die auch nicht immer Hand in Hand gehen, sondern auch manchmal in Konflikt, in Widerspruch geraten, aber auch durch dieses Zusammenkommen neue Wege gehen.

Jonas Lindner: Sinem, wie liest du den Titel der Stadt-Oper in Bezug auf Freiburg?

Sinem Altan: Wir haben gehört, dass man in dieser Stadt über eine gewisse »Anastrophe« spricht, statt »Katastrophe«, d. h. alles erst einmal gut und schön findet, was ja auch seine Berechtigung hat. Aber durch meine vielen Fragen hat sich mein vorheriger Blick auf die Stadt natürlich verändert. Dabei habe ich auch selbst viel über meine Einstellung gelernt, wie ich gewisse Sachen einfach pauschalisiere und davon ausgehe, dass es alles gut ist. In dieser Reflektion und Befragung habe ich Freiburg sicherlich von sehr unterschiedlichen Seiten kennengelernt. Meine Vision ist, dass diese Seiten über eine gemeinsame Sprache in der Musik zueinander finden. Das schönste Erlebnis wäre, wenn es wirklich am Ende dieses Verständnis gäbe, ohne dass es unbedingt in einzelne Worte gefasst werden muss. Ich glaube, dann haben wir alle etwas voneinander mitgenommen. Etwas Größeres, etwas Besseres kann ich mir gar nicht vorstellen.