MENSCHLICHE MONSTER UND DIE FRAGE DES NORMALSEINS

9. Dezember 2016   |   VON: RedaktionKategorie: The Addams Family

Das Junge Theater holt die Sensation vom Broadway nach Freiburg: Bei »The Addams Family« handelt es sich um eine Familie sympathischer Monster und skurriler Figuren, deren Probleme doch zutiefst menschlich sind. Das Produktionsteam früherer Theater-Erfolge wie »Frühlings Erwachen« geht in die nächste Runde. Dabei sorgen viel Tanz, lateinamerikanische Musik und pechschwarzer Humor für die Vorfreude auf ein Musical, das im Januar Premiere feiern wird.

Sind die Mitglieder der Addams Family richtige Monster? Bezüglich ihres äußeren Erscheinungsbildes könnte man die Frage bejahen: Da ist zum Beispiel Lurch, der aussieht wie Frankenstein, die Medikamente verkaufende Großmutter, die an eine Hexe erinnert, oder der unförmige und leichenhaft erscheinende Uncle Fester. Die Kinder machen die gegenseitige Quälerei zum Spiel und alles Frevelhafte zaubert ihnen ein Lächeln aufs Gesicht. Andererseits ist es genau diese verrückte Familie, welche Jung und Alt amüsiert und mit denen wir unweigerlich Sympathie empfinden. Gerade weil die Addams Family einer stinknormalen amerikanischen Familie gegenüber gestellt wird, die an ihrem Streben nach dem perfekten Vorstadt-Idyll und an unterdrückten Bedürfnissen scheitert. Und dann verliebt sich die Tochter der Addams Family ausgerechnet in Lucas, den Sohn dieser Familie von spießigen Langweilern. Im Verlauf dieses Konflikts wird auch die Frage aufgeworfen, was es eigentlich bedeutet, eine normale Familie zu sein. Können wir uns nicht gerade dafür wertschätzen, was an uns anders und außergewöhnlich ist? Das Musical sei somit auch die Karikatur eines in der westlichen Gesellschaft verankerten Familienideals, meint Dramaturgin Nadja Rüde.

Wie auch in den vergangenen Jahren leitet Regisseur Gary Joplin die Produktion von »The Addams Family« in Zusammenarbeit mit seiner langjährigen Kollegin Emma-Louise Jordan, mit der er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Weibliche und männliche Energie käme den Jugendlichen bei der gemeinsamen Arbeit zu Gute. Früher war der aus den USA stammende Gary selbst Tänzer im Theater, bevor er in Mannheim, Karlsruhe, Heidelberg und Bern im Bereich der Choreografie tätig wurde. Der Grund, warum er sich gerade auf die Arbeit mit Jugendlichen spezialisiert habe, sei vor allem der Aspekt der Lehre. Jeder Einzelne könne in seiner individuellen Entwicklung wahrgenommen werden und sei zugleich formbar. Neben seinem guten Draht zu Kindern und Jugendlichen mache der große Spielraum den Reiz für ihn aus, der sich im Gegensatz zur Arbeit mit Profis eröffnen würde. Manche LaienschauspielerInnen hätten sich während der Proben für »The Addams Family« von Null auf Hundert entwickelt.

Probeaufnahmen von  »The Addams Family« . Auf die monsterhaften Kostüme dürfen wir gespannt bleiben!

21 Jugendliche zwischen 15 und 21 Jahren machen in diesem Musical »die verblüffend tolle Besetzung» aus, als die Choreografin Emma sie bezeichnet. Die Jungen und Mädchen fanden auf unterschiedliche Weise ihren Weg ins Junge Theater Freiburg. Earvin (21) hat bereits sieben Jahren an seiner Schule in Hannover Theater gespielt, Yannick (15) wollte sich eigentlich an der Schauspielschule bewerben und erfuhr dann von Garys Projekt. Aufgrund der unterschiedlichsten Vorgeschichten existiert anfangs eine gewisse Diskrepanz in den Erfahrungsstufen innerhalb der Gruppe, die es während der langen Probezeit zu überbrücken gilt. Der Gesangunterricht unter der Leitung von Nikolaus Reinke besitzt hierbei eine große Bedeutung, damit die Stimmen der LaienschauspielerInnen keinen Schaden nehmen. Neben den anspruchsvollen gesanglichen Einlagen stellt »The Addams Family« die Jugendlichen vor weitere Herausforderungen: Im Hinblick auf die Choreografie erfordert das Musical viel Konzentration, die nach langen Schultagen oft nur noch schwer aufzubringen ist. Die Jugendlichen nehmen die Mühe gerne auf sich, um endlich eine eigene Figur verkörpern zu können. Myriam (18) spielt eine Edelprostituierte. Der Reiz liegt für sie darin, ihre Figur besonders überzogen darzustellen und auf der Bühne Seiten ausleben zu können, die sonst nicht Teil ihres Lebens sind. Letztlich ist es vor allem ein außergewöhnlicher Teamgeist, der die Gruppe auf dem Weg zur Premiere von »The Addams Family« mehr und mehr zusammenschweißt.