DER DRAMATURG UND DAS BIEST (1)

von | 12.09.2023

„Jetzt geht wieder alles von vorne los“ ist ein früher Song der Band Tocotronic aus dem Jahr 1996. Wenn wir nach unserer sechswöchigen Sommerpause im September ins Theater zurückkehren, summe ich, mit einem Lächeln auf den Lippen, gerne die Melodie dieses Liedes, während ich durch die Gänge schlendere und die Kolleg_innen wie einst am ersten Schultag begrüße. Der Song passt wie Faust aufs Auge, denn jetzt heißt es: Gehe zurück auf Los und mache dich bereit zum Ablegen, das Mutterschiff Theater sticht wieder in See!

Ich möchte Sie und euch mitnehmen auf diese Reise, die am Ende zehn Monate dauern wird, und für uns, die hoffentlich seefeste Besatzung an und unter Deck, immer wieder aufs Neue faszinierend und aufregend ist. Denn jetzt wird das, was wir seit vielen Monaten, manchmal Jahren, im Vorhinein in der Theorie geplant haben, plötzlich Wirklichkeit. Nun gibt es kein Zurück mehr. Leinen los, die große Fahrt beginnt!

Das „Mutterschiff“ Theater setzt die Segel in Richtung Zukunft (Foto: M. Kaiser)

Schauen wir uns so einen Probenprozess doch einmal genauer an – am Beispiel von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST. Bei unseren Führungen hinter die Kulissen (die bieten wir übrigens zweimal im Monat für Familien an) fragen wir die Gruppen gerne: „Was glaubt ihr, wie lange proben wir eigentlich für so ein Theaterstück?“
Das Spektrum der Antworten ist meist breit gefächert: „Ein halbes Jahr“, „drei Monate“, „ein Jahr“. Extremantworten wie „bis zur Mittagspause“ und „ein Jahrzehnt“ blende ich an dieser Stelle einmal aus. Tatsächlich dauern die szenischen Proben in der Regel nur sechs bis acht Wochen. So auch bei unserer neuen Weihnachtsproduktion, die zwischen Ende September und Mitte November entsteht.

Es gibt jedoch eine Reihe von konzeptionellen Prozessen, die bereits vor dem Probebeginn gelaufen sind. Und an dieser Stelle spulen wir mehr als ein Jahr zurück. Denn bereits im Mai 2022, als wir unsere Pläne für das hinter uns liegende Theaterjahr veröffentlicht haben, beginnen wir mit den Überlegungen für das kommende: Welchen inhaltlichen Pfaden wollen wir folgen? Mit welchen Regiepersönlichkeiten möchten wir wieder oder zum ersten Mal zusammenarbeiten? Welche Stücke werden wir für welche Altersgruppen im Angebot haben, welche Mitmach-Angebote wird es geben?

Nach und nach puzzeln wir so unseren Spielplan zusammen – konzeptionell und dispositionell. Während das BIEST probt, werden parallel weitere Produktionen aus den anderen Sparten am Haus erarbeitet. Das muss planungstechnisch alles gut durchdacht und unter einen Hut gebracht werden, damit unser Mutterschiff nicht bereits im Herbst den Rand eines Nervenzusammenbruchs ansteuert.

Für mich als Leiter des Jungen Theaters beginnt in der Regel ab November die große Deutschlandtour, auf der ich Weihnachtsstücke an anderen Häusern sichte. 2022 bin ich unter anderem nach Ingolstadt gefahren, um mir am dortigen Stadttheater eine Bearbeitung des klassischen „Dornröschen“-Stoffs durch den walisischen Autor Charles Way mit dem Titel ROSE MIT DORNEN in der Regie von Martina van Boxen anzusehen.

Fassade des Stadttheaters in Ingolstadt (Foto: M. Kaiser)

Die rund sechshundert Kinder im Saal und ich hatten an diesem Morgen richtig Glück: Denn die Darstellerin der Königin war kurzfristig erkrankt. Wir befanden uns noch mitten im kalten Corona-Winter. Glücklicherweise hat sich die Theaterpädagogin des Hauses bereiterklärt, spontan einzuspringen und die Rolle mit Textbuch in der Hand zu übernehmen. Auch nach etlichen Jahren in der Theaterwelt ist es auch für mich immer wieder faszinierend, dass so etwas in der Praxis tatsächlich funktioniert. Shoutouts an dieser Stelle auch an die Kollegin für ihren Einsatz. 

Und auch das Stück hat mich voll und ganz überzeugt. Großartig, wie es dem Autor gelang, mit seinem Text ein heimeliges Märchengefühl zu erzeugen und die Figuren dennoch heutig zu zeichnen. In seiner „Dornröschen“-Version gab es beispielsweise keine hilflosen Prinzessinnen, die von Prinzen gerettet werden mussten. Zum Glück.

Ich war fasziniert davon, wie es Ensemble und Inszenierung gelang, die Kinder im Saal zu fesseln. Sie waren an manchen Stellen komplett aus dem Häuschen, es hielt sie nicht mehr auf den Sitzen, sie klatschten stehend im Rhythmus der Musik mit und feuerten die Figuren frenetisch an. Irgendwann dachte ich: „Oh je, das bekommt ihr doch nie wieder eingefangen.“
Irrtum. Diesem Kinderstück gelang es sehr wohl, dass es im Saal in den vielen ruhigen und nachdenklichen Sequenzen mit einem Mal wieder mucksmäuschenstill wurde.Als ich das Theater Ingolstadt verließ, stand für mich fest: „Wir haben sie – die Regisseurin unseres kommenden Kinderstücks zur Weihnachtszeit!“

Der Dramaturg auf der Zugfahrt von Ingolstadt nach Freiburg in vorweihnachtlicher Begleitung (Foto: M. Kaiser)

Nun ja, jetzt musste nur noch Martina van Boxen Zeit (und Lust) haben. Kleiner Spoiler an dieser Stelle: Sie hatte. Nur wenige Tage später telefonierten wir und tüteten das Vorhaben ein. Im nächsten Schritt galt es, ein Stück zu finden. Martina, die 2018 mit dem deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie „Regie im Kinder- und Jugendtheater“ ausgezeichnet worden ist, schlug mir eine weitere Märchenbearbeitung von Charles Way vor, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht ins Deutsche übersetzt war – THE BEAUTY AND THE BEAST. Ich kannte bis zu diesem Zeitpunkt nur die Disney-Versionen und war beim Lesen seiner Fassung abermals fasziniert. Davon, wie es dem Autor auch in diesem Fall gelungen war, eine Geschichte aus längst vergangenen Tagen lebendig werden zu lassen („La Belle et la Bête“ ist im Ursprung ein traditionelles Volksmärchen aus Frankreich), sie in ihrer Zeit spielen zu lassen und doch stimmig mit zeitgemäßen Figuren und Themen zu arbeiten.

Zu Beginn dieses Textes schrieb ich, dass ich Sie und euch auf unsere Reise mitnehmen möchte. Ich selbst werde das Kinderstück als Dramaturg begleiten und werde in den kommenden Wochen und Monaten berichten, was hinter den Kulissen so alles passiert, bevor sich am 12. November der Vorhang zur Premiere hebt: Wie sieht das Ensemble aus und wie laufen die Proben ab? Wie entstehen die Kostüme, wie das Bühnenbild? Was um Himmels Willen macht eigentlich so ein Dramaturg? An welchen Erfindungen tüftelt derweil die Requisite? Und was sagen unsere Kinderdramaturg_innen und Patenschüler_innen, nachdem sie uns auf den Proben besucht haben?

Regisseurin Martina van Boxen und Dramaturg Michael Kaiser (Fotos: M. Habelitz, B. Schilling)

Antworten auf diese und viele weitere Fragen gebe ich in dieser neuen Reihe DER DRAMATURG UND DAS BIEST (DDUDB), die man bis zum Premieren-Showdown von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST hier auf unserem Blog verfolgen kann.

DDUDB EPISODE 2 – Probenbeginn (Video über den Start auf der Probebühne)
DDUDB EPISODE 3 – Abkürzungen  (Video über die TE / BE und die erste Bühnenprobe)
DDUDB EPISODE 4 – Wer hat die Gans auf dem Gewissen? (Video über die Requisite)