SCHULSPUK-AKTE FREIBURG

4. März 2016   |   VON: Michael KaiserKategorie: Denkraum

Eva Plischke, Benedikt Grubel und die legendäre Geistersuchmaschine im Außendiensteinsatz in der Pestalozzi-Schule.

Ein Dienstagmorgen Ende Februar. Erste Unterrichtsstunde in der Pestalozzi-Grundschule im Stadtteil Freiburg-Haslach. Eva Plischke und Benedikt Grubel schieben eine skurrile Maschine durch die Gänge: Eine farbenfrohe, rollbare Gerätschaft mit allerhand Reglern und orangefarbenen Schläuchen, an denen Ohrmuscheln sowie eine Absaugvorrichtung befestigt wurden. Die beiden sind als Außendienstkräfte der »Spukversicherung« im Auftrag des Theater Freiburg unterwegs, um den Schadensmeldungen der Klassen 3b und 3c auf den Grund zu gehen, Proben an den Fundorten zu nehmen und diese zur weiteren Untersuchung in den Werkraum zu überführen.

Die Schülerinnen und Schüler geben den Geistern Namen und halten diese auf Fundort-Meldungsträgern fest.

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Auf der Mädchentoilette wird von der 3b »Kloé, die große Glotzerin« aufgespürt.

Der Fundort wird umgehend gesichert, hinreichend markiert und ausführlich untersucht.

Schule, Spuk, Schadensmeldungen? – Wenn es nach dem Sportunterricht immer Streit in der Umkleide gibt, wenn man mit einem mulmigen Gefühl in den Fahrradkeller geht oder die Gedanken vorne an der Tafel mit abhandenkommen, stimmt etwas mit den schulischen Atmosphären nicht. Störungen dieser Art werden im Projekt »Spukversicherung« bestimmten Ortsgeistern zugeschrieben, denen im Folgenden auf den Grund gegangen wird.

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Passt in jedes Klassenzimmer: die im Schuleinsatz zigfach erprobte Geistersuch- und -saugmaschine

Plischke und Grubel unternehmen je zwei Vor-Ort-Besuche bei jeweils zwei Klassen an drei Schulen in Freiburg und Umgebung. Beim ersten Termin lernen sie die Gruppen kennen und kartografieren gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern das Areal. In die Pläne werden auffällige Bereiche im Gebäude, auf dem Pausenhof oder in der Turnhalle farbig markiert. Rot steht für »negativ besetzt«, grün steht für »positiv wahrgenommen« und gelb für »auffällig, jedoch unbekannt, ob eher gut oder eher schlecht«.

Grubel und Plischke observieren den Schulhof: Wird sich hier ein Geist aufspüren und einsaugen lassen …?

Im Hof wechselt Grubel mit der Sonorschüssel-Antenne auf Empfangsmodus.

Beim zweiten Besuch kommt die sonderbare Apparatur auf Rädern zum Einsatz. Hierbei handelt es sich um eine Geistersuch- und -saugmaschine, mit der an Ort und Stelle Proben der Geister in verschließbare Gläser gesaugt werden können. Diese Behältnisse werden mit den Namen, die die Geister von den Kindern erhalten, etikettiert und ins Theater transferiert, wo die Klassen wenige Wochen später zu Gast sind.
Im Labor der »Spukversicherung« wird dann untersucht, welche Arten von Geisterproben genommen wurden, wie sich die Geister materialisieren lassen und was sie zu sagen haben. Um den Geistern beim Materialisierungsvorgang behilflich zu sein, sind verschiedene Innendienstbeschäftigte (»Medien«) zugegen, die mithilfe von Sonorschüssel-Antennen die Signale der Geister im Raum aufnehmen und auf unterschiedliche Art und Weise verstärken bzw. für alle sichtbar machen: Vanessa Valk, die Puppen- und Materialexpertin, Friedrich Greiling, der Musik- und Tonspezialist, und Conny Winterholler, Sachverständige für Licht und Technik.

Das Labor der »Spukversicherung« im Theater: Hier materialisiert sich der Toilettengeist »Kloé, die große Glotzerin«.

Vanessa Valk ist gelernte Puppenspielerin und seit einem Jahr als Medium im Innendienst der »Spukversicherung« beschäftigt.

Friedrich Greiling ist im Labor für alle Frequenzfragen zuständig.

Die Crew der »Spukversicherung« hat im Frühjahr 2015 zum ersten Mal Schulgeister in Freiburg-Stadt und im Umland untersucht. Neun Monate später treffe ich Christel Austing, Lehrerin an der GHS Kollnau, zum Gespräch über Ihre Erfahrungen mit diesem ungewöhnlichen Format. Frau Austing betont, dass es im Projekt nicht um Gruselgeschichten und Horrorfilmklischees ginge, sondern darum, die Orte des schulischen Alltags neu kennenzulernen und den Blick für Wohlfühl- und Nicht-Wohlfühlorte zu sensibilisieren. Ihre Viertklässler hatten beispielsweise einen Bereich in der Bibliothek auffallend häufig grün markiert – die Lese- und Kuschelecke. Hier war »Olaf de Chilleboy« zuhause, ein freundlicher Ortsgeist, der stets dafür gesorgt hat, dass man sich vom Unterricht und vom schulischen Trubel erholen konnte.
Im Bereich vor der Tafel fanden Frau Austings Schülerinnen und Schüler »Das große Vergesslo«, einen weniger gutmütigen Geist, der dafür verantwortlich war, dass man vorne, vor der Klasse also, manchmal etwas vergaß, was man hätte berichten wollen. Im Anschluss an den Theaterbesuch hat Frau Austing mit ihrer Klasse Strategien erprobt, wie man das »Vergesslo« in Zaum halten könnte. Es zeigt sich nämlich nur selten, wenn man Präsentationen an der Tafel im Team statt im Alleingang hält. »Olaf« hingegen erhielt einen dauerhaften Ehrenplatz in der Bibliothek.

Einen Bericht der Schule über das Projekt gibt es hier auf der Website der GHS Kollnau.

Im Energiekreis

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An den Fundorten wird jeweils ein Polaroid geschossen. Denn: Während der Bildentwicklung zeigen sich Ortsgeister gerne und häufig – obgleich meist nur sehr flüchtig für die Dauer von Sekunden (»SnapShot-Phänomen«).

Bei der »Spukversicherung« geht es also unter anderem darum, mit den gefundenen Schulgeistern einen Umgang zu finden, der beiden Seiten hilft, den Menschen und den Geistern. Oft beruht Unwohlsein darauf, dass die Parteien einander zu wenig kennen, wodurch Missverständnisse entstehen. Will man einen Geist kennenlernen, gilt es, eine Reihe von Hindernissen zu überwinden. Vor allem darf man sich nicht zu lange mit der Frage aufhalten, ob es den Geist wirklich gibt. Am Ende ist es nämlich gar nicht nötig, diese Frage zu beantworten, um den Geist besser kennenzulernen. Im Gegenteil: Die richtig guten Geister sind ohnehin die, bei denen man nie herausfinden wird, ob es sie nun wirklich gibt. Oder nicht.

An der Maschine lässt sich mithilfe von Schiebreglern die Beschaffenheit des Geistes fixieren.

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Plischke befragt die Schülerinnen und Schüler zu ihren Erfahrungen mit dem Spuk.

Dieses »Dazwischen« wird auch spürbar, als ich die 4a und ihre Lehrerin Carola Oswald in der Emil-Gött-Schule in Zähringen besuche. Klar, natürlich gibt es keine Gespenster, das weiß ja jedes Kind. Aber: Irgendetwas ist eben doch passiert, als die Kinder mit der Maschine das Schulgebäude gescannt haben. Über die Ohrmuscheln hörten sie ein konstantes Rauschen. Wenn eines der Kinder eine Veränderung des Tons wahrgenommen hat, wurde innegehalten, ein Polaroid aufgenommen und es wurden intensivere Untersuchungen eingeleitet. Die Namen der Geister sind bei den Kindern noch immer erstaunlich präsent. Sie erzählen mir von »Glotzina« auf der Mädchentoilette, vom fiesen »Streikreisler« in der Turnhalle, von »Seki Sektor« im Sekretariat und vom Bauchschmerzen auslösenden »B-Buhu«, der sich vor dem Klassenraum der Parallelklasse herumgetrieben hat.

Auf die Frage, wie sich das Zusammenleben mit den Geistern und der 4a heute verhalte, berichten die Schülerinnen und Schüler davon, dass sich »Streitkreisler« nur noch selten zeige. Zum Glück. Sorgte er doch immer wieder für nervigen Krach, wenn sich die Klasse im Sportunterricht nicht einigen konnte, welches Spiel als nächstes gespielt werden sollte. Frau Oswald ergänzt, dass das Projekt zu einem guten Zeitpunkt kam, da es immer wieder Streit in der Turnhalle oder mit der Parallelklasse gab. Bei der Aufarbeitung dieser Konfliktfelder habe die »Spukversicherung« geholfen. Eine große Chance bei diesem Projekt liegt darin, dass man Aspekte des schulischen Zusammenlebens mithilfe der Geist-Metapher anders thematisieren und mit einem gewissen Abstand besprechen kann.

Die drei großen T’s der Schulspuk-Suche: Toiletten-, Turnhallen und Tafelgeister.

Aus der Pestalozzi-Grundschule haben Plischke und Grubel unter anderem Proben von »Kloé, die große Glotzerin«, »MGKG, der Streitprofi«, »Reumus, der Schrecker« und »Welma Wärmer« ins Theater überführt. Dort lagern sie im Werkraum in einem Schrank. Stets eingeschlossen, wie Grubel betont. Nicht dass eine der Proben am Ende irgendwie abhanden-kommt, bevor die Klassen 3b und die 3c zur Untersuchung des gewonnenen Geistermaterials den Gegenbesuch im Theater antreten.

Text: Michael Kaiser / Fotos Pestalozzi-Grundschule: Maria Obermeier / Fotos Performance: Rainer Muranyi / Die »Spukversicherung« basiert auf der gleichnamigen Performance des Fundus Theaters Hamburg.