PLÖTZLICH LEHRER

2. Juli 2018   |   VON: Michael KaiserKategorie: 2018/2019, Das Leben des Anderen

Erste Tafelbild-Versuche vom frischgebackenen Referendar

Mein Name ist Michael Kaiser. Gewöhnlich leite ich das Junge Theater Freiburg. In dieser Position bin ich in den Bereichen Regie und Dramaturgie, als Autor und Performer tätig. Nicht so diese Woche: Vom 02. bis 09. Juli 2018 bin ich Lehrer auf Zeit. Meine Fächer sind Deutsch und Englisch. Ich tausche temporär den Beruf mit Christian Heigel, der seinerseits im Herbst meinen Job übernehmen wird.
DAS LEBEN DES ANDEREN nennen wir dieses Queraussteiger-Projekt. Heute war mein erster Schultag, im Mai 2019 ist Premiere.  

02.07.2018, 07.30 Uhr – noch 20 Minuten bis Unterrichtsbeginn, ready or not.

01.07.2018, 18.00 Uhr: Christian Heigel und ich treffen uns am Sonntagabend im Theatercafé zur „Übergabe“. Ich erfahre, wie mein Stundenplan für die kommende Woche aussehen wird, erhalte Infos zu den zu unterrichtenden Klassen bzw. den Stoffen, die gerade mit ihnen durchgenommen werden, und fülle meinen Jutebeutel mit unzähligen Büchern und „Handreichungen für den Unterricht“.

Christian erzählt mir, dass ich am Montag in der Früh mit einer Doppelstunde und der Kursstufe 1 in Deutsch beginnen würde. Die aktuelle Lektüre sei der FAUST von Goethe. Oha. Dann eine Doppelstunde Latein mit mir als Zuhörer in der letzten Reihe, gefolgt von einer Stunde Englisch mit einer 5. Klasse plus Förderstunde (beide aktiv) und einer Doppelstunde Chemie, wieder als stiller Beobachter, zum Abschluss.

Die Uhr tickt: Unser Gespräch dauert unerwarteterweise bis 22.00 Uhr, denn man kommt von Hölzchen auf Stöckchen – ich hätte noch hundert Fragen, doch jetzt heißt die erste Priorität, im Eiltempo Unterrichtsvorbereitungen für den nächsten Tag zu treffen. 

Whiteboard-Magic (hier mit meiner eigenen FAUST-Schul-Reclam-Ausgabe)

02.07.2018, 05.30 Uhr: Das nenne ich einen hübschen Kaltstart. Nach einer kurzen und eher unruhigen Nacht klingelt der Wecker viel zu früh, ich setze mich an den Rechner, google hektisch nach Online-Lektürehilfen und drucke auf die Schnelle noch letzte Handouts aus. Die Frage in diesem Moment ist: Was mache ich hier eigentlich?

07.15 Uhr: In der Schule treffe ich Christian, der mir das Lehrerzimmer zeigt und anschließend vor Ort im Klassenzimmer erklärt, wie das Whiteboard und die Dokumentenkamera funktionieren. Diese tools gab es zu meiner eigenen Schulzeit noch nicht. „Wir drei werden viel Spaß zusammen haben“, denke ich, während ich den FAUST unter die Linse schiebe und das Abbild meines ramponierten Reclam-Hefts in der Projektion zurechtrücke.

Ergebnissicherung: Ein Camcorder filmt die Tafel und hält meine Gehversuche als Lehrer fest.

09.40 Uhr: Ich sitze in der hintersten Reihe eines Klassenzimmers im Erdgeschoss und versuche, dem Latein-Unterricht zu folgen. Trotz sommerlicher 30 Grad Außentemperatur ist das Raumklima angenehm. Die Schüler_innen haben rasch den Unterschied zwischen Gerundium und Gerundiv verstanden. Mir ist er nach 15 Minuten noch immer ziemlich schleierhaft. 

Es ist seltsam: In der hintersten Reihe, dem Stammplatz meiner eigenen Jugendjahre, fühle ich mich sofort wieder wie ein Schüler. Als ich einmal meine Brille nach oben schiebe, fürchte ich, diese Bewegung könnte von der Lehrkraft als Meldung mißverstanden werden, und ziehe die Hand schnell wieder zurück. Wo ich hier doch nur stiller Beobachter sein will – und auch nach 60 Minuten den Unterschied zwischen Gerundium und Gerundiv noch immer nicht erklären könnte.

PS: Ich besitze übrigens das Große Latinum. 

Große Pause / Großes Haus: Blick von der Schul-Terrasse auf den Bühnenturm des Theater Freiburg

Mein erster Tag als Referendar endet nach der achten Stunde. Spannend war für mich insbesondere der Unterschied, die komplette 5b mit rund 30 Personen in Englisch unterrichtet (I won’t tell you about my Wortaussetzer während dieser 45 Minuten right here) und anschließend mit nur einer Handvoll Schülern in einer Förderstunde gearbeitet zu haben.

Krass, wie viel intensiver, direkter und persönlicher man hier auf sie eingehen kann. Das Leuchten in ihren Augen, wenn sie eine Aufgabe gelöst haben, rührt mich. Überhaupt habe ich heute an meinem ersten Tag das erlebt, wovon u. a. Reinhard Kahl in seinen Vorträgen und Filmen gerne spricht: Kinder und Jugendliche sind neugieriger, als sie oftmals dargestellt werden. Sie wollen etwas über die Welt lernen, in der sie aufwachsen. Sogar in der Schule. 

02.07.2018, 15.30 Uhr, Schulschluss nach einer Doppelstunde Chemie

To-Do-Liste für die nächste(n) Woche(n):

  • mehr darüber herausfinden, was Schüler_innen von „Bildung“ und dem System „Schule“ erwarten
  • jemanden mit einer utopischen Idee für diesen Bereich suchen und befragen
  • ein Gespräch mit jemandem führen, der / die gerade kurz davor ist, Lehrer_in zu werden (Erwartungen an den Beruf abklopfen)
  • Interview mit jemandem führen, der / die schon länger im Job ist (ggf. Abgleich mit Punkt 3)
  • Treffen mit jemandem arrangieren, der / die schon eine Weile nicht mehr im Job ist (Perspektive in der Retrospektive)
  • weniger über mein eigenes Befinden nachdenken, mehr über das meiner Schüler_innen reflektieren
  • nochmals nachschlagen, was der Unterschied zwischen Gerundium und Gerundiv ist