ZWISCHEN 1989 UND 2019

3. Oktober 2019   |   VON: Christian HeigelKategorie: 2019/2020, 89/90

Auf der Probebühne: Clara Schulze-Wegener, Frederik Gora und Dr. Helmut Kohl

Am 11. Oktober hat die Produktion 89/90 Premiere im Kleinen Haus. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Wenderoman von Peter Richter. Im Gespräch berichten Regisseur Sascha Flocken und Musiker Jan Paul Werge über ihre Adaption für die Freiburger Bühne im Jubiläumsjahr – 30 Jahre nach dem Fall der Mauer. Hier ein Auszug aus dem Interview, das in voller Länge im Programmheft abgedruckt sein wird. 

Ihr wart in den Jahren 89/90 ja noch Kinder: Welche persönlichen Erinnerungen an diese Zeit habt ihr, was assoziiert ihr damit?

Sascha Flocken: Aus der Westperspektive – und zwar ganz weit im Westen – habe ich eine ganz starke Erinnerung daran, wie meine Eltern damals, da war ich vier, ganz gebannt vor dem Fernseher saßen und ich gefragt habe, was da los sei. An die Antworten kann ich mich nicht mehr erinnern, aber dieses Wohnzimmer, dieser Fernseher und die Spannung im Raum sind eine sehr starke Erinnerung. Dass ich gemerkt habe, hier ist gerade irgendwas los, ohne das in irgendeiner Form einordnen zu können. Der Mauerfall spielte dann auch in Gesprächen mit meinen Eltern im Anschluss keine große Rolle. Erst, als ich viel später angefangen habe, Zeitung zu lesen und mich zu politisieren, kam das Thema wieder auf. Aufbau Ost war zum Beispiel immer ein großes Thema.

Jan Paul Werge: Ich war acht und für mich war das eine spektakuläre Zeit, aber ich weiß gar nicht, ob das für mich damals mit der Mauer zu tun hatte. Ich bin ja in Leipzig großgeworden und 1989 war genau das Jahr, in dem ich in den Thomanerchor aufgenommen wurde. Mit dem Thomanerchor ging es dann direkt auf die erste große Reise, und zwar nach Japan. Deswegen hatte ich meine ganz persönliche Wende. Wir hatten auch Taschengeld auf dieser Tournee und ich bin mit bergeweise Geschenken aus Japan zurückgekehrt. Ein Grund für den Wunsch meiner Eltern, mich in diesen Chor zu bringen, war auch, mir Reisen in das westliche Ausland zu ermöglichen – rauszukommen. Und genau in dem Jahr, in dem ich aufgenommen wurde, war das dann auf einmal für alle möglich.

Regisseur Sascha Flocken

Dieses Jahr ist ja das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls – ein Grund zu feiern?

Sascha Flocken: Zunächst ist das sicherlich ein Anlass zu feiern, in dem Sinne, dass es ein autoritäres und repressives System nicht mehr gibt. Es gibt aber noch einiges im Hinblick darauf aufzuarbeiten, was der Preis dafür war, nicht nur finanziell. Das ist in dieser Zeit der Zusammenführung auf der Strecke geblieben bzw. der Zeitpunkt wurde verpasst. Ich glaube, es ist gut, dass wir momentan so viel darüber reden. Vielleicht ist der Anlass dazu, also bestimmte Wahlergebnisse, nicht gerade erfreulich, aber solche Anlässe können der Katalysator sein, dass wir anfangen, über verpasste Chancen und auch grundsätzlich darüber zu sprechen, was da passiert ist, also dass der Kapitalismus sich alles einverleibt hat. Und über möglicherweise falsche und enttäuschte Erwartungen beiderseits.

Der Musiker Jan Paul Werge auf einer szenischen Probe für 89/90

Wie kam es zur Entscheidung für genau diesen Roman?

Sascha Flocken: Uns hat der Text erstmal sprachlich und thematisch sehr zugesagt – diese sehr spezielle Perspektive, die man auf Festtagsreden zum Mauerfall nicht unbedingt erwartet. Und dann ist es natürlich mit der heutigen Perspektive auf die Ereignisse in Dresden und Chemnitz einfach erschreckend, wie viele Parallelen es zu damals gibt. Ich hatte da ein sehr prägnantes Erlebnis: Ich bin am Tag der deutschen Einheit im Zug nach Berlin gefahren und habe gerade das Kapitel über die Demonstration gelesen, bei der auf einmal Reichskriegsflaggen wehen. Nach dem Aussteigen stand ich plötzlich vor einer Einheits-Demonstration, auf der aber Leute Dinge wie „Rapefugees not welcome“ gerufen haben und ich auch solche Flaggen gesehen habe. Ich dachte wirklich, ich bin im Roman, aber das war 2018. Und spätestens da war klar, den müssen wir machen. Das ist so nah dran an dem, was heute passiert. Und wenn es diese Parallelen gibt, dann haben wir ganz offensichtlich verpasst, über irgendetwas zu sprechen. 

Jan Paul Werge: Ich fand es erst skurril, das Thema in Freiburg zu machen, jetzt aber richtig gut. Durch den Abstand haben wir Platz, nach der Probe gehe ich raus und bin wirklich woanders. Hier wird das auch ganz anders angeschaut als in Dresden, Leipzig, Berlin oder Rostock, hier haben wir größere Freiheiten.

Interview: Christian Heigel // Fotos: Michael Kaiser