WARUM DONNERT ES BEI GEWITTER?

15. Juni 2011   |   VON: Michael KaiserKategorie: Aktuelles

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Im Oktober haben fünf- und sechsjährige Forscher mit ihrem Projekt »Naturschauspiele« Premiere im Werkraum. Ziel ist es, mit den Mitteln des Theaters naturwissenschaftliche Phänomene und Erkenntnisse zu entdecken, zu untersuchen und ins Theaterspiel zu überführen. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift »klein & groß« findet sich ein Bericht darüber, wie Wissenschaft Theater macht.

Warum donnert es bei Gewitter?
Warum fallen im Herbst die Blätter von den Bäumen – und wer klebt sie im Frühjahr wieder an? Das sind nur einige Fragen, die Kinder im Kindergartenalter stellen. Sie nehmen ihre Umwelt intensiv und kreativ wahr und beweisen so den täglichen Forscherdrang, der jedem Kind inne ist. »Ist doch klar, den Donner macht der Donnermachmann!«, ruft Max und gibt so eine Kostprobe seiner Fantasie. Die Antworten scheinen die Kinder bereits zu kennen, jedenfalls wird unter den kleinen Experten angeregt diskutiert.

Alles ist spielbar
Dass Naturwissenschaften auch bereits in der Vorschule verankert werden sollen, ist Ziel einiger Projekte, die es in Deutschland bereits gibt: Häufig werden den Kindern, mithilfe von Experimentierkästen und verschiedenen Materialien spielerisch Naturwissenschaften und Technik nahegebracht.
Der freie Träger concept maternel gGmbH verfolgt mit dem neuen Projekt einen gänzlich anderen Vermittlungsansatz. Die Grundidee des Projektes »Naturschauspiele – Wissenschaft macht Theater« ist: Alles ist spielbar, es gibt nichts, was sich nicht ins Theaterspiel umsetzen lässt.

So auch die naturwissenschaftlichen Fragen von kleinen Forschern. Durch das eigene Spiel wird das beschriebene Phänomen greifbarer. Der Einsatz des eigenen Körpers und der Fantasie macht die oftmals komplexen Zusammenhänge besser erfahrbar. Wichtig ist dem Träger und der Kulturpartnerin Anna Terstiege dabei, dass es nicht darum gehen soll, den Kindern wissenschaftlich korrekte Anleitungen zum Experimentieren zu geben, um sie zu kleinen Laborexperten zu machen. Den Kindern soll vielmehr das ganzheitliche Forschen ermöglicht und gleichzeitig eine Verknüpfung zu ihrer Lebenswelt hergestellt werden. Mit viel Kreativität werden eigene Antworten gesucht und gefunden – und die Begeisterung am Findungs-, Entwicklungs- und Spielprozess wird so gefördert.

Theaterpädagogik und Naturwissenschaft
In der Verquickung von Theaterpädagogik und Naturwissenschaft sehen die Projektpartner die Lösung: Mit den Möglichkeiten der Interpretationskraft und der Findung des eigenen Körpers steht die Theaterpädagogik dem eher rationellen Denken der Naturwissenschaft in einer völlig neuen Art und Weise gegenüber. Dennoch ist sie, ebenso wie die Naturwissenschaft an die Schulung der eigenen Wahrnehmung und Kommunikationsfähigkeit gebunden. Durch die Vermittlung von körperlich-sinnlichen Methoden und im Spiel können die Kinder freier, offener und unbedarfter an das Thema Naturwissenschaften herangehen. Wissenschaft macht Theater Oder: Wenn der »Donnermachmann« in die Kita kommt Einmal wöchentlich besucht die Theaterpädagogin und Regisseurin Anna Terstiege deswegen die Kinder des Kindergartens Große Bären und versucht, gemeinsam mit ihnen und einigen Naturwissenschaftlern der Pädagogischen Hochschule Freiburg die alltäglichen Phänomene der Umwelt zu erforschen.
Zunächst wird überlegt: »Wie entsteht was?«
»Warum, wozu und wodurch?«
So z. B.: »Warum dreht sich der Wasserstrudel und läuft nicht einfach schnurgerade ab?«
»Was genau ist ein Tornado und wieso kann er fliegen?«
Die Kinder entwickeln selbst spontan spannende, aufregende und tollkühne Antworten und teilen sich den Erwachsenen deutlich mit. Dann fordert sie die Theaterpädagogin auf, ihre Thesen selbst darzustellen und zu spielen – also Reisen vom Realen ins Fiktionale zu unternehmen. Dabei geht es in erster Linie nicht um eine wissenschaftlich korrekte Vermittlung, sondern um das Erforschen, Erspielen und Erfinden eines Themas.
Kinder erschließen sich die Welt, vor allem in den ersten Lebensjahren, zu großen Teilen über das Spielen und Erfahren. Sie müssen beteiligt sein, um zu begreifen.
»Mit dem Projekt soll genau das erreicht werden, gemäß der Aussage des Sozialwissenschaftlers H. Spencer: Das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln«, so Iris Weidemann, Projektleiterin bei concept maternel. Wie gut dies mithilfe der Theaterarbeit funktionieren kann, zeigt sich in den intensiven Theaterstunden im Kindergarten Große Bären jede Woche aufs Neue.

Eine Beispielstunde: »Was kann sich alles drehen?«
So ist das Thema einer Theaterstunde: »Was kann sich alles drehen?«
Das wurde in einer vorangegangenen Stunde von den Kindern angesprochen. Hintergrund war die Frage nach einem Tornado.
Nach einem musikalisch-rhythmischen Warm-up, in dem jedes Kind die Silben seines Namens spricht und klatscht, machen wir ein Bewegungsspiel zu diesem Thema: Die Gruppe stellt sich dazu im Gänsemarsch hinter ein Kind, das als Anführer eine Fortbewegungsart vormachen darf. Dazu gibt es, je nach Charakter der Fortbewegung, variierende Livemusik. In diesem Fall wird der Anführer oder die Anführerin aufgefordert, Drehbewegungen mit dem eigenen Körper auszuführen. Die Kinder erfinden vielfältige Bewegungsweisen: Sie drehen sich mit erhobenen Armen um die eigene Achse, spielen eine Walze am Boden, laufen im Kreis oder geben einen Richtungswechsel (Wirbel) an. Der Erfindungsreichtum der Kinder ist groß und die Assoziation von einem Drehphänomen zum nächsten wirkt geradezu ansteckend.

Dann schließen wir eine kleine Forscher-Runde an. Wir möchten wissen, wie sich Wasser dreht. Dafür setzten sich die Kinder in einen Kreis. Die Naturwissenschaftlerin Frau von Gehlen (von der Pädagogischen Hochschule Freiburg) stellt mit Wasser gefüllte Pet-Flaschen in die Mitte und fragt die Kinder: »Wie kann man die Flasche drehen, damit sich das Wasser dreht?«
Einige Kinder probieren es, die Flasche liegend zu drehen, sie zu schütteln …
»Dreht sich so das Wasser?«
»Nein!«
»Wer hat eine andere Idee?«
Ein Kind dreht die Flasche im Stand. Ergebnis: »Aber das schwabbelt nur.« Jeder dreht, übt, forscht, beobachtet.
Frau von Gehlen macht dann die richtige Bewegung vor und zeigt, wie sie das Wasser zum Drehen bringt: Sie dreht die Flasche auf den Kopf und hält sie unten still fest; mit der anderen Hand dreht sie, mit kreisförmigen Bewegungen oben an der Flasche.
Ein Kind ruft: »Wow, ein Tornado!«
Wir fordern die Kinder auf, zu sagen, was sie genau beobachten: »Da unten ist so ein kleiner Strudel …«
»Das ist wie in der Badewanne, wenn ich den Stöpsel ziehe!«
Anschließend holen wir eine Schüssel mit Wasser sowie einen Kochlöffel und fragen die Kinder, ob sie eine Idee haben, wie sich das Wasser jetzt drehen lässt.
Fast alle Hände gehen nach oben: »Rühren!«
Ein Kind nach dem anderen darf mit dem Kochlöffel zeigen, wie das Wasser durch Rühren zum Drehen gebracht werden kann. Um die Drehbewegung sichtbar zu machen, gibt jedes Kind einen halben Löffel Sand in das Wasser. Wir fordern sie erneut auf, genau hinzuschauen. Die Kinder stellen fest: Das Wasser hat Kreise im Sand hinterlassen!

Gemeinsam versuchen wir anschließend, uns selbst zu drehen. Einzeln und als Gruppe, bis wir auseinanderfallen. Ein Kind legt sich daraufhin auf den Boden und zeigt uns, wie sich eine Schiffsschraube dreht. Mit geradezu eleganten Bewegungen dreht es sich um sich selbst – und dabei auch noch kreiselnd durch den Raum. Die anderen Kinder versuchen, es nachzumachen. Wir beschließen, in der nächsten Stunde das Thema weiter aufzugreifen und mit Zahnrädern zu experimentieren. […]

Gegen Ende des hier beschriebenen Entwicklungsprozesses werden die wöchentlichen Stunden  intensiviert und in eine Inszenierung im Theater Freiburg münden. Zu den Aufführungen werden externe Kindergruppen eingeladen.

Quelle: »klein & groß«, Ausgabe 6, 2011 / Autoren: Pia Seuser, Anna Terstiege, Iris Weidemann