THE RETURN OF THE LIVING DEAD

7. Mai 2012   |   VON: Michael KaiserKategorie: Aktuelles

Einblicke in die Planung: Am 24. Mai 2012 treten im Großen Haus endlich wieder lebende gegen tote Poeten an. Die Vorbereitungen zur Slam-Gala »Poetry – Dead or Alive« sind bereits im vollen Gange.

Seit nunmehr vier Jahren öffnen sich einmal pro Jahr die Pforten zum Jenseits, damit verstorbene Autoren-Legenden vergangener Epochen für eine Nacht lang hindurchschlüpfen und auf die Erde zurückkehren können. Ihre Mission: Sich in einer fulminanten Dichterschlacht im Theater Freiburg mit Poetry Slammern der Gegenwart zu messen. Zeremonienmeister Sebastian 23 lässt in diesem Jahr Florian Cieslik, Julian Heun, Sophie Passmann und Nektarios Vlachopoulos auf die besten Poeten von gestern, vorgestern und davor treffen.

Bisher war das Lager der Toten gegenüber der Presse stets sehr verschlossen und lehnte jede Art von Interview ab. In diesem Jahr jedoch gewähren Mr Black und Mrs White erstmals Einblicke in die Realisierung des besonderen Events. Black und White organisieren die Reisen der Verstorbenen ins Diesseits und achten penibel darauf, dass den speziellen Bedürfnissen der verblichenen Künstler von Seiten der Veranstalter aus Rechnung getragen wird.

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Am Bühneneingang des Theaters erzählen Black und White, dass die Pförtner in den ersten Jahren bei ihrer Ankunft irritiert gewesen seien: »Mittlerweile sind wir jedoch per Du«, berichtet Black, während ihm der Theater-Mitarbeiter kumpelhaft die Zuschriften von Zuschauern des letzten Jahres – vor allem Briefe für Frauen-Schwarm Heinz Erhardt – in die bleiche Hand drückt.

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Jetzt heißt es erst einmal warten: Der Termin von Black und White mit Steffen Müller verschiebt sich aus dispositionellen Gründen um 15 Minuten. Müller arbeitet im Betriebsbüro des Theaters und ist für die Probenplanung der Slam-Gala zuständig.
»Es geht darum, das Beste für uns herauszuholen«, betont Mrs White, deren Stimmung aufgrund der Wartezeit umzukippen droht. »Bühnenzeiten sind immer knapp. Unsere Klienten jedoch sind eingerostet und brauchen mehr als nur ein knappes Spacing

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Im Betriebsbüro bleibt keine Zeit für Höflichkeiten, White kommt ohne Umschweife zur Sache: »Wenn wir nicht mindestens eine zusätzliche Morgenprobe bekommen, reisen wir ab!«
Steffen Müller bleibt gelassen und bietet dem skurrilen Paar Zusatz-Proben im geräumigen Heizungskeller des Theaters an: »Für mich ist es schon eine besondere Situation – mit toten Toten-Managern hat man selbst am Theater nicht jeden Tag zu tun.«

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Die Frage, welche toten Autoren am 24. Mai auftreten werden, beantworten Black und White mit Schweigen. Im letzten Jahr war im Vorfeld durchgesickert, dass Heinz Erhardt (auf dem Bild oben in der Maske, unten beim Auftritt im Großen Haus) an der Slam-Gala teilnehmen würde.

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Erhardts Hotel in der Poststraße wurde daraufhin die ganze Nacht von einer lautstarken Fanbase bedrängt. Der Club »Heinz Erhardt-Freunde Recklinghausen e.V.« war sogar erst in den frühen Morgenstunden dazu bereit, den Belagerungszustand aufzugeben.

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Black und White sind Manager mit Leib und Seele: Auf dem Gang entdecken und inspizieren sie Kontrabass-Behältnisse des Philharmonischen Orchesters.
»Die Einfuhrsteuer für die Särge unserer Klienten sind ungeheuerlich. Würden wir diese Cases verwenden, könnten wir bares Geld sparen. Da die Autoren, die wir vertreten, in der Regel länger als 70 Jahre tot sind, erhalten sie ja auch keine Tantiemen mehr für ihre Texte – es ist für sie und uns buchstäblich ein Knochenjob!«

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In der Theater-Kantine schöpfen die Beiden beherzt aus der Salattheke, als ihnen einfällt, dass Nahrungsaufnahme ein überholtes Konzept aus der Zeit als Lebende darstellt.
»Manchmal nervt der Tod«, erzählt White, den Blick in die Ferne gerichtet, »doch dann besinnen wir uns auf die Dinge, die wir als Lebende nicht tun konnten …

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… lustige Doktorspielchen mit der Akkubohrmaschine beispielsweise.«

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Vor dem Theater präsentieren uns Black und White feierlich ihre umfangreiche Autogramm-Sammlung verstorbener Poeten. Besonders stolz ist Black auf seine signierte Ausgabe von »Iphigenie auf Tauris«.

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»Normalerweise ziert sich Goethe, persönliche Widmungen zu verfassen«, berichtet der Mann in Schwarz, »aber bei der After-Show-Party im Anschluss an den letztjährigen ›Dead or Alive‹-Event war er ungewohnt emotional und zugänglich für Fan-Stuff.«

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An der Theaterkasse erwirbt Mrs White eine Reihe von Tickets für den 24. Mai: »Vor einem Jahr war die Veranstaltung so was von ausverkauft. Da ging am Ende gar nichts mehr. Selbst die Mutter von Rolf Dieter Brinkmann (Anm. d. Red.: einer der toten Poeten 2011) musste draußen bleiben. So etwas passiert mir nicht noch einmal.«

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Zum Abschied drücken uns Black und White noch einen selbstgebastelten Gegenentwurf des Werbeflyers für »Poetry – Dead or Alive« in die Hand.

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»Es gibt da so eine Tendenz«, bemerkt Black, mit einem Mal wieder todernst, »dass in der Reklamebranche immer nur mit Lebenden gearbeitet wird. Dagegen wollen wir hiermit ein Zeichen setzen. Eine Online-Petition in dieser Sache ist auch schon in der Mache.«

Apropos »online«: Die Facebook-Seite der Agentur von Mr Black und Mrs White kann einem hier gefallen.