LEID UND LEIDENSCHAFT (3/3)

von | 09.07.2025

Bei mir ist es Mittwoch, der 09.07.2025, und die PASSION-Dernière ist fast eine Woche her und es wird Zeit, den dritten und finalen Teil dieser kleinen Blogreihe zu schreiben.
Ich habe mich ehrlich gesagt etwas davor gedrückt …
Ich wusste schon seit dem ersten Eintrag, dass dieser hier der schwerste werden würde.
Trauer ist so ’ne Sache für sich. Manchmal äußert sie sich sehr stark und emotional und manchmal fühlt man nichts, weil man so viel fühlt. Ich würde gerne ein paar Gedanken und ein paar Eindrücke der letzten Tage teilen.

Die letzten Tage waren gefüllt von ganz vielen Gefühlen, ganz vielen Abschieden, die einfach nicht enden wollen.
Abschied vom letzten Stück, das uns nochmal solch eine hammer letzte gemeinsame Erfahrung gegeben hat. Ein letztes Mal in die Maske, ein letztes Mal aufwärmen, ein letztes Mal Soundcheck. Und dann ein letztes Mal 60 min Passion. Und danach direkt der Abschied von der Bühne, die manche von uns schon so lange begleitet.
Abschied von den Menschen, die im Theater arbeiten – die Maske, Ton, Licht, Bühnentechnik, die Requisite und alle anderen Gewerke, die immer mit dabei waren.
Obwohl momentan noch für ein kleines Projekt namens EIN KÖRPER, TAUSEND STIMMEN von Yvonne Sembene geprobt wird, beginnt auch ein langsamer Abschied von unserem geliebten Ballettsaal. Der Raum im Stockwerk 4.2, in dem wir ein- bis zweimal die Woche Training hatten.
Wie viel wir doch auf diesen Boden geschwitzt, geblutet und geweint haben. Zahllose blaue Flecken, aufgeschürfte Knie und Füße, Muskelkater für den Rest der Woche – aber dafür gab es auch gemeinsame Pausen, Partys, kleine Nickerchen, auf den Boden rumliegen, aufeinander rumliegen, viel gelacht und viel erzählt.

Diesen Freitag wird auch mein letztes Mal im Ballettsaal sein und ich kann es noch nicht wirklich fassen. Obwohl ich mich zwinge, alles so lange es geht zu genießen – und vor allem bewusst zu genießen – rast die Zeit nur so davon. Es geht mir zu schnell und ich komme nicht wirklich hinterher. Das haben Abschiede anscheinend so an sich…

Bei der letzten Probe hat mich Graham kurz beiseite genommen, um mir sein fast ausgeräumtes Büro zu zeigen. Das Büro mit dem überfülltesten Schreibtisch eh und je, die Wände voller Plakate, Dokumente, Ideen und Erinnerungen, war einfach leer. Er hat mich mit einem großen Lächeln angeschaut und hat sowas Ähnliches gesagt wie: „Isn’t this funny?“ Natürlich bin ich direkt bei diesem Anblick in Tränen ausgebrochen. Vor allem in diesem Jahr haben wir zusammen viel Zeit im Büro verbracht. Ich hatte es nur nicht so auf dem Schirm, dass ich mich auch davon langsam trennen muss.

Tränen gab es in den letzten Tagen selbstverständlich bei uns allen viele.
Denn so langsam müssen wir uns auch voneinander verabschieden. Viele haben dieses Jahr ihr Abi gemacht und gehen reisen oder beginnen ein Studium im Ausland, manche verlassen Freiburg und manche bleiben hier.
Was mich in den letzten Tagen am meisten getroffen hat, ist es, meinen Freunden beim Abschiednehmen von all diesen Sachen zuzusehen. Mir passiert es nicht oft, Menschen so heftig weinen zu sehen – und ich kann es einfach nicht besser machen! Ich kann nur die Hand halten und vollstes Verständnis für den Schmerz haben. Und eigentlich ist es ja auch ein gutes Zeichen, dass der Abschied uns so schwerfällt.

Ich bin mir sicher, dass Leute, die diesen Text lesen werden und nie Teil der SoLD-Gruppe waren, das Ganze hier etwas befremdlich finden. Das verstehe ich. Ich kann es leider auch nicht wirklich erklären, außer dass ich und wir so viel Liebe, Zuneigung füreinander und für die gemeinsame Zeit hatten und haben. Egal, ob man 14 Jahre oder 1 Jahr dabei war – die School of Life and Dance hat uns allen eine Gemeinschaft, eine ganz große Familie, die zusammen von Graham und Maria lernt und Kunst macht, gegeben. Eine Familie mit ganz vielen Kindern, Teens und Millennials ;). Mit Geschwistern, Eltern und ganz, ganz, ganz vielen Omas und Opas! 🙂

Und auch nach jeder nervigen Unterbrechung von einem Sprossen oder nach der tausendsten sich wiederholenden Frage der Goldies und sogar nach dem unglaublichen Patzer der Primes beim letzten Mal Funeral in PASSION (HOW COULD YOU!?) 😉 bereue ich keine Sekunde, die ich mit diesen lieben, lieben Menschen verbringen durfte. Was für ein Privileg es doch war und ist, Teil einer so schönen, bunten und großen Familie zu sein. Und auch wenn die kommenden Jahre uns immer weiter trennen werden – kann uns niemand und nichts diese Zeit nehmen. Und die tragen wir ja alle bei uns. SoLD war etwas sehr Besonderes, was es so schnell wahrscheinlich nicht mehr geben wird. Ich werde euch sehr vermissen und es bricht mir wirklich das Herz, mich von euch verabschieden zu müssen.

And to Graham and Maria: I’m not gonna write a whole thing, cause what am I gonna say what you don’t already know? We’ve been crying and laughing together in these past days, I think you know we all love you so very much. I know that the island will be good for the both of you and I wish you the best time full of healing, sleeping and just doing whatever you wanna do! I am grateful to know you. And I will have a tough time readjusting and finding something new in life that will fulfill me the way SoLD has. You crazy people have literally defined so many lives and personas, including me. I hope to carry all that you gave me within me and to spread a little bit of SoLD and Pires-Smith vibes out into the world. 🙂 Thank you!

Ich drücke euch alle so fest und möchte mich bei euch allen mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschieden. Bis hoffentlich bald!
Danke!
Liebe Grüße,
Yael

Nach achtzehn Jahren Stadt-, Schul-, Mehrgenerationen- und spartenübergreifenden Projekten ist das Tanzstück PASSION meine letzte Produktion am Theater Freiburg, bevor ich Freiburg im Sommer 2025 verlasse. Als Abschiedsprojekt gehen Maria Pires und ich gemeinsam mit den 210 Mitgliedern der SCHOOL OF LIFE AND DANCE (SoLD) ganz großen Emotionen nach, um einen Moment unserer Gegenwart festzuhalten. Yael Cremonesi, Mitglied bei SoLD seit 2013, berichtet auf diesem Blog über unsere letzte große Produktion, über Leid, Leidenschaft und den Abschied.

Text und Fotos: Yael Cremonesi