ZWISCHENRAUM ODER GESELLSCHAFTSUTOPIE

23. Dezember 2015   |   VON: Michael KaiserKeine KommentareKategorie: Das WG-Projekt

Seit Oktober 2015 forscht eine Gruppe von acht Menschen zwischen 22 und 70 Jahren für »Das WG-Projekt« zur Geschichte und Gegenwart des gemeinschaftlichen Wohnens in Freiburg. Einerseits ist für uns die Wohngemeinschaft als Zwischenraum zwischen Jugendalter und Berufsleben, in dem Lebenskonzepte reflektiert, erprobt und ersponnen werden, interessant, andererseits wollen wir die WG als eine alternative, mitunter heterotopische Form des Zusammenlebens untersuchen.

Die Bilder in diesem Artikel stammen von einer Arbeitsprobe am 20. Dezember auf der Probebühne, fotografisch dokumentiert von Maria Obermeier und Michael Kaiser.

Das Konzept der Wohngemeinschaft ist u. a. aus der sog. 68er-Bewegung und der Hausbesetzerszene erwachsen, in deren Zuge die WG bzw. Kommune als radikaler Gegenentwurf zur bürgerlichen Kleinfamilie verstanden und als politische Utopie einer neuen, freieren Gesellschaft gelebt wurde. Heute, in Zeiten hoher Arbeitsplatzmobilität, steigender Mietspiegel und neuer Familienbilder, erfährt das Konzept der Wohngemeinschaft auch abseits der typischen Studierenden-WG Aufwind. So gibt es in Freiburg zahlreiche alternative Wohnkonzepte – häufig generationsübergreifend und mit einem starken sozial-ökologischen Engagement.

Wir setzen uns im Projekt mit der Frage auseinander, was uns das Private über das Politische der WG-Bewohnerinnen und -Bewohner und über ihre jeweilige Generation und Lebensentwürfe erzählt: Inwieweit ist das Private bereits politisch motiviert?
»Das WG-Projekt« ist ein Spiel mit Geschichte und mit Geschichten. Es spiegelt die WG-Biografien der Performerinnen und Performer und die Erfahrungen der gemeinsamen Recherche. In den letzten Monaten haben die acht Ensemblemitglieder nämlich unterschiedliche Freiburgerinnnen und Freiburger verschiedenen Alters getroffen und sie zu ihren WG-Erfahrungen, ihren Lebenskonzepten und ihrer Biografie befragt, die jeweils untrennbar mit der Vergangenheit Freiburgs verwoben ist.

Freiburg bildete neben Städten wie Frankfurt, Berlin, Heidelberg und Tübingen ein wichtiges Zentrum der Studentenbewegung. Die erste große Aktion des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenverband) richtete sich mit einer Besetzung des Bertoldsbrunnens gegen die Fahrpreiserhöhung der Straßenbahngesellschaft VAG und wurde unter massivem Polizeieinsatz und unter der Verwendung von Wasserwerfern in einer Straßenschlacht am 1. Feburar 1968 niedergerungen.

Zwischen 1971 und 1987 wurden in Freiburg 40 Häuser besetzt. Aus der Hausbesetzerszene entwickelten sich Institutionen, die noch heute im Stadt- und Kulturleben eine entscheidende Rolle spielen: Das Café und der Buchladen Jos Fritz, subkulturelle Musik im Crash, das Radio Dreyeckland, das sich noch heute als Gegenöffentlichkeit versteht, oder das autonome Zentrum KTS in der Basler-Straße. Aktuell gibt es in Freiburg in der Gartenstraße 19 ein besetztes Haus, das unter anderem mit einer Radwerkstatt und einem Umsonst-Laden aufwartet: »Anarchie ist machbar, Herr Nachbar«

Die Recherche durch Zeit und Raum (bzw. Räume) wurde von unseren Performern – in ihrem sonstigen Leben u. a. Auszubildende, Studierende, Lehrer, Ingenieur, Rentner – auf unterschiedliche Weise dokumentiert: Sie haben Interviews geführt, Menschen mit der Kamera in deren Wohnungen besucht, Fotografien und unterschiedliche Memorabilia mitgenommen oder haben sich selbst Experimenten ausgesetzt.

Unsere Bühne wird zu einem Gemeinschaftsraum, in dem Ex-Bewohner*innen und aktuelle Mieter*innen ihre Spuren in einer raumfüllenden Installation hinterlassen haben (Ausstattung: Nina Hofmann, Video: Karolina Serafin). Dieser Erinnerungsraum wird jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn für das Publikum geöffnet sein. In ihm finden sich Hinweise auf Menschen und deren Geschichten, die anschließend im Stück erzählt werden – von Littenweiler bis Haslach, von Mooswald bis Vauban, von Landkommune bis Zweckgemeinschaft, von Hausbesetzerszene bis Business-WG.

Am Di. 5.1.16 werden Leitungsteam (Benedikt Grubel, Michael Kaiser, Ina Annett Keppel, u. a. »Käpt’n Analog und die Digital Natives«) und Ensemble (Theresa Alletsee, Balduin Bollin, Christina Fiedler, Robin Grab, Christian Heigel, Melissa Kugel, Gerda Liebner, Kathrin Schmider) das Projekt um 19 Uhr im Werkraum in einer »Open Practice« vorstellen. Der Eintritt ist frei. Die Premiere folgt am So. 17.1.16, Einlass ab 19 Uhr, Beginn um 19.30 Uhr.

Die weiteren Spieltermine bis Februar erfahrt ihr auf unserer Website unter: www.theater.freiburg.de/wg-projekt

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