WENN JEMAND PIZZA SAGT

12. November 2018   |   VON: Paula IglesiasKategorie: 2018/2019, Shockheaded Peter

Einblicke in die Probenarbeit: Samstag, 03. November, der vorletzte Tag der Herbstferien.

10.00 Uhr morgens, Schauspielprobebühne. Die Jugendlichen trudeln ein, pellen sich aus Mantel und Schal, das ein oder andere Gemüt drückt sich noch im Schlafkissen vor dem Weckerklingeln. Die Probe heute ist bis 16.00 Uhr angesetzt. Bevor wir beginnen greift das Team in den geheimen Koffer der Motivationsmittel und verkündet: „Pizza in der Mittagspause!“
Es passiert, was passiert, wenn jemand Pizza sagt: Die Hälse werden plötzlich länger, ein Impuls jagt durch die Wirbelsäule. Nun gut, auf die Plätze, wir beginnen. Emma-Louise klopft uns wach. Von Kopf bis Fuß bearbeiten wir mit den Fäusten unsere Körper, lockern unsere Kiefer, dass auch das letzte Gähnen entweicht. Nach eine Runde konzentrierter Pliés, schreiten wir eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, in der Diagonale durch den Raum. Paarweise laufen wir hintereinander her, synchron soll es sein, im Takt zudem! Wer jetzt nicht wach ist, verzählt sich und verwechselt seine Füße – ich weiß, wovon ich rede.
Eine kurze Trinkpause. Wir sammeln die Bestellungen für die Pizzeria. Vier Pizza Margherita, drei Pizza Funghi. Tatsächlich wollen die meisten Jugendlichen keine eigene Pizza, und ich frage mich zum ersten Mal, wo ich hier gelandet bin.

Standort: Theater Freiburg. Die kommenden drei Monate werde ich Regiehospitantin im Jungen Theater sein. Ob mir klar sei, dass ich kein Geld bekomme, werde ich bei der Vertragsübergabe gefragt, ob ich das wirklich machen möchte, als ich den Stift zücke. Es klingt wie ein Ratschlag an ein Kind, das eh tut, was es will. Zack, befinde ich mich in einer mir bisher unbekannten Welt: Hinter den Samtvorhängen, hinter den Kulissen, mitten in der Produktion SHOCKHEADED PETER. Zusammen mit elf Jugendlichen erarbeitet das Team um Gary Joplin (Regie, Konzept, Choreografie), Emma-Louise Jordan (Choreografie, Konzept), Nikolaus Reinke (musikalische Leitung) und Kieran Straubein (musikalische Assistenz) ein neues Musical, das sich mit dem berühmt-berüchtigten Kinderbuch DER STRUWWELPETER auseinandersetzt. 
Vertont wurden die grotesken Geschichten Heinrich Hoffmanns von der britischen Band The Tiger Lillies.

11.00 Uhr. Weiter geht’s mit der Choreographie des Daumenlutschers. 
Wie Matrosen schwanken wir über den schwarzen Boden, schwingen unsere Beine in ungeahnte Höhen. „One more time!“ ruft Gary, der nun übernommen hat. Ich bin froh, nur Regiehospitantin zu sein, und schleppe meine müden Beine zu einem Stuhl. Neben mir begleitet Nikolaus die Jugendlichen mit drei Akkorden auf der Ukulele, freut sich darüber sichtlich. „One more time!“
„Stellt euch vor, ihr seid Popeye“, sagt Gary. „Stellt euch seine Arme vor.“
Die Jugendlichen lassen ihre Arme hängen, nicht etwa aus Demut vor einem unmenschlich muskulösen Unterarm: Aus den Köpfen steigen schüchtern Fragezeichen. Der, der immer Spinat isst? Nope. Kein Aha-Moment. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich alt. Im weiteren Probenverlauf werden Holzfäller zu Zombieholzfällern, Daumen werden gelutscht, aber akzentuiert!
Ein paar Daumenkämpfe später schlägt es schon zwölf – Mittagspause.

12.15 Uhr. Myriam öffnet die Tür zu Dachterrasse. Die Sonne scheint durch den diesigen Novemberhimmel, wärmt unsere Gesichter. Wir essen Pizza, trinken Kaffee. Links sehen wir auf die Unibibliothek, rechts die Kupferdächer der Herz-Jesu-Kirche. Vor uns erheben sich der Lorettoberg und der Schönberg aus einem lichtdurchbrochenen Rauschen.

Die Proben laufen seit dem 24. September 2018. Zu dem Zeitpunkt sitze ich noch auf einer Insel im Atlantik, aktiviere statt dem dritten Auge nach Wochen (Tagen) wieder mein Smartphone und kriege ein leichten Herzinfarkt als ich in mein Postfach sehe und die Zusage für die Hospitanz entdecke. Ich haue „Struwwelpeter“ in meine analoge Suchmaschine. Ich komme in Kindesjahren heraus, erinnere mich an die scherzhafte Abrundung einer Mahnung – „Iss, sonst endest du wie …“
Zur gewissenhaften Vorbereitung ziehe ich mir DER STRUWWELPETER auf mein E-Reader und lese nicht darin. Ich fühle mich sagenhaft schlecht vorbereitet, Praktikantin ohne Plan. Naja, immerhin die Bilder angesehen. Am 10. Oktober lerne ich erstmals einen Teil des Teams und die Jugendlichen kennen. Ich schüttle die Hand von Myriam, die die kommenden Wochen ebenfalls als Regiehospitantin mit dabei ist, und bin unheimlich erleichtert, nicht alleine in der Rolle der Praktikantin zu sein.

13.15 Uhr. Das Klavier wird hinter dem Vorhang hervorgezogen. Die Jugendlichen bestuhlen den Raum um das Klavier in Form einer Sichel. Nikolaus übernimmt, es folgen mittlerweile routinierte Stimmübungen. Beim Singen beider Stücke liegt der Blick immer weniger auf den Notenblättern, man singt, lacht, funkelt die Sitznachbarin an oder ins imaginierte Dunkel einer Publikumstribüne.


14.30 Uhr. Wir machen einen Zeitsprung: Es ist Weihnachten. Wir proben die Eingangsszene. Emma-Louise und Gary beobachten die Jugendlichen, den Raum um und den Raum zwischen ihnen, haben eh alles im Blick, während aus meinen Sinneskanäle schon die ersten Staumeldungen kommen. Also zücke ich anerkennend meinen Hut, lehne mich zurück und verweile als Zeugin eines wunderbaren Prozesses.

15.20 Uhr. Die Probe wird auf die Opernprobebühne verlegt. Nikolaus verkündet zur Überraschung der Jugendlichen, dass dies bis Weihnachten seine letzte Probe sein wird. Seiner statt wird Kieran in den kommenden Wochen die musikalische Leitung übernehmen. 
Zum Ende der Probe kommen die Darsteller_innen vor goldener Wohnzimmerkulisse am Bühnenrand zusammen und zaubern schon mal ihr authentischstes Lächeln für das Familienportrait unterm Weihnachtsbaum.

Zu diesem Zeitpunkt sind es noch rund vier Monate bis zur Premiere von SHOCKHEADED PETER – STRUWWELPETER, die am 09. März 2019 im Kleinen Haus geplant ist.

Illustration: Michael Genter / Fotos: Team