STEIGEN SIE EIN!

8. Mai 2017   |   VON: RedaktionKeine KommentareKategorie: Aktuelles

Verehrte Damen und Herren,

steigen Sie ein in die Zeitgeisterbahn! 60 lebende junge Singende bringen Sie durch die Nacht. Baden Sie im finsteren Tümpel kollektiver Angst, tanzen Sie durch das Sonnenlicht grundloser Freude, tauchen Sie durch die Kanalisationsrohre ohnmächtiger Einsamkeit und lassen Sie sich von entgeisterten Glücksengeln bezirzen.

Das Orchester fährt mit: in den bösesten Bass, in die tristeste Tiefe, in den einsamsten Abgrund. Da, wo es düster ist. Wo kein Ton je wieder hochkommt, wo die Schwerkraft nicht mehr weiter weiß, wo die Kontrabasstuba wohnt. Und das gruseligste Geisterbahninstrument der Welt, das Kontrafagott. Und die Bässe, dickbauchige Tieftonsärge aus Eschenholz, mannsgroße frauenförmige Untergrundschiffe der Zeitgeisterbahnflotte! Aber auch der Himmel klingt! Pink klingt der Himmel, frei fliegende Flöten zwitschern zärtlich, inmitten königlicher Klarinetten kullern Glockenspielkaskaden auf beglückten Streicherbahnen, um zum großen Fest zu laden, um im Klang des Glücks zu baden, Hörner feiern Goldfanfaren!

Aus dem Ozean des Klangs gebären sich Figuren: da ist die singende Nachtfalterkatze Lonely Luisa. Sie hatte es nicht leicht als Kind, keiner wollte sie so richtig, am wenigsten die Eltern. Wir entwickeln Verständnis, dass sie alle tötet. Da ist Lady Pinkblond, die uns zeigt, wie heil die Welt sein kann, und der Glückmacher, der alle Erwartungen auf sich lädt und mit größter Zuversicht den Menschen die Liebe schenken will. Am Ende weint er. Da ist eine Frau mit weißem Haar, die beweist, dass es keinen Gott gibt, und eine 400 Jahre alte Zirkusdirektorin, die der Überzeugung ist, der Applaus der Welt stünde ihr zu. Sie alle finden sich im Zeitlupenkaufhaus des Grauens, einem Panoptikum aus mageren Püppchen, die in gekauften Phrasen sprechen. Und alle kehren immer wieder dahin zurück, wo die Träume und Albträume zur Welt kamen: ins Kinderzimmer. Wo sich zum ersten Mal die Wände bewegen, wo die Angst zuschnappt, wenn man sich allein fühlt, wo man sich das erste Mal im Leben der Grundlosigkeit des Glücks bewusst wird.

Mit schaurig-schönen Grüßen,
Ihr

Mark Scheibe

Zeitgeisterbahn
Konzertspektakel von Mark Scheibe / Auftragswerk für den Kinder- und Jugendchor und das Philharmonische Orchester Freiburg
Am Anfang war ein Brief. 60 Kinder und Jugendliche äußern sich persönlich zu ihren Wünschen und Albträumen. Darüber, was sie von Religion halten und was sie sehen, wenn sie in die Zukunft schauen. Diese Texte sind der Acker, aus dem ein Libretto wächst – und mit ihm eine stilumarmende Partitur, die die komplizierte Selbstwahrnehmung in der Pubertät spiegelt und den Krach des Lebens in der Stadt reflektiert.
Premiere: 30.6.17, 19.30 Uhr, Großes Haus
Weitere Spieltermine: www.theater.freiburg.de/spielplan

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