KUNST KANN DAS

27. November 2015   |   VON: Michael KaiserKategorie: Denkraum

Schloss Genshagen @ Ludwigsfelde (Foto: Stiftung Genshagen / www.stiftung-genshagen.de)

Rund 20 Kilometer südwestlich von Berlin befindet sich der Ort Ludwigsfelde. Vom 17. bis 18. November 2015 reisten Expertinnen und Experten aus ganz Europa in diese kleine Ortschaft, um sich im Schloss Genshagen bei einer Fachtagung zu den Perspektiven von Kultureller Bildung in Europa auszutauschen. Auf Einladung der Akademie Remscheid und der Stiftung Genshagen nahm auch ich als Künstlerischer Leiter des Jungen Theaters Freiburg an dieser Konferenz teil.

Das Thema »Kulturelle Bildung« ist auf vielen Ebenen und in unterschiedlichen Kontexten intensiv diskutiert worden und beschäftigt auch mein Team und mich seit nunmehr rund zehn Jahren: Wie können Kollaborationen zwischen Schulen und Kultureinrichtungen gestaltet werden, so dass sie über Einzelprojekte (Stichwort: »Projektitis«) hinaus Bestand haben? Wie kann es gelingen, dieses Feld fest in den Curricula der Schulen zu verankern? Welche strukturellen Veränderungen müssen wir in den Systemen »Schule« und »Theater« vornehmen, damit das dauerhaft funktionieren kann?

Kulturelle Bildung in Europa, 17. bis 18. November 2015

Viele werden sich noch an den Film »Rhythm is it!« aus dem Jahr 2004 erinnern: Er dokumentiert den Entstehungsprozess eines Tanzprojektes der Berliner Philharmoniker mit 250 jungen Menschen aus 25 Nationen, die in sechs Wochen Probenzeit Stravinskys Ballett »Le sacre du printemps« unter der Leitung von Sir Simon Rattle erarbeitet haben. In den folgenden Jahren ging ein regelrechter »Rhythm is it!«-Boom durchs Land: Unzählige Theater und Schulen engagierten, oft auch gemeinsam, Choreografen, um die erstaunlichen Prozesse, die im Film festgehalten worden waren, im eigenen Haus zu erleben und die Ergebnisse auf großen Bühnen zu präsentieren.

Auch heute noch fallen in Gesprächen über die Theaterarbeit Schülerinnen und Schülern gerne einmal die Stichworte »Rattle« und »Rhythm«. Dabei hat sich in den letzten Jahren viel getan, und der Grundansatz hat sich vielerorts entscheidend weiterentwickelt. Denn das Problem von Projekten wie »Rhythm« ist ihre Kurzfristigkeit. Häufig sah das in der Praxis nämlich so aus, dass Choreografen wie Aliens in einer Schule landeten, zwei oder drei Wochen bis zum Tag X der Aufführung intensiv mit den Schülern arbeiteten und bereits am Tag nach dem Tag X wieder verschwunden waren. Die Beteiligten blieben mit vielen Fragen zurück, vor allem aber mit dieser: »Wie geht das denn jetzt weiter?«

Kinder aus der Vigelius-Grundschule bei einem Showing für ihre Eltern im Rahmen von »Learning by Moving«.

Auch am Jungen Theater haben wir die Arbeitsweise in diesem Bereich über die Jahre grundsätzlich neu konzipiert. Insbesondere wenn man mit jungen Menschen arbeitet, deren Biografien durch Abbrüche und Diskontinuitäten geprägt sind, ist es elementar, langfristig Vertrauen aufzubauen und das Interesse am gegenseitigen Austausch kontinuierlich unter Beweis zu stellen.

Ein Beispiel von kontinuierlicher, strukturell orientierter Theaterarbeit an einer Schule ist das Projekt »Learning by Moving« meines Kollegen Graham Smith aus der Tanzsparte: Die Kinder erlebten zwei Jahre lang, zeitweise in wöchentlichen Treffen im Theater, wie man die Welt mit dem Körper und durch Bewegung bewusst erschließen kann. Sie lernten ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten spielerisch kennen, wodurch alternative Wissensbestände, das jedes Kind in sich trägt, aktiviert wurden. Was es jedoch zunächst nicht gab, war ein Premierentermin für eine öffentliche Aufführung.

»Learning by Moving« folgte also vielmehr einem künstlerischen Ansatz, der Aspekte des Lernens und regelmäßigen Übens beinhaltete. Es ging darum, die Kinder über die Regelmäßigkeit der körperlichen Praxis und die Souveränität, die sie dabei gewonnen haben, an Erfahrungsbereiche heranzuführen, die über das Bekannte hinausführten. Tanz beinhaltet neben dem Rituellen auch das Unvorhergesehene, Überraschende. Perspektivisch arbeiten wir daran, dass dieses Konzept künftig Umsetzung in weiteren Freiburger Grundschulen und anderen Schultypen findet.

Experten aus ganz Europa im Tagungssaal (Foto: Stiftung Genshagen / www.stiftung-genshagen.de)

Aber zurück zur Tagung auf Schloss Genshagen: Es existieren faszinierende Beispiele aus Deutschland und Europa, die zeigen, welches Potential Kunst im Kontext von Bildung entfalten kann. Oft steht bei beachtenswerten Projekten aus diesem Bereich eine spielerische Aneignung der eigenen Lebenswirklichkeit mit den Mitteln der Kunst im Fokus. Sie kann Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, soziale Gegebenheiten als gesellschaftliche Konstrukte zu erkennen und damit als veränderbar zu begreifen. Das sind Fähigkeiten, die nicht frontal-verbal vermittelt, sondern nur indirekt-körperlich erfahren werden können.

Welche Rolle Kunst im gesellschaftlichen Miteinander spielen und welchen Einfluss sie beispielsweise auch auf Aspekte sozialer Stadtentwicklung nehmen kann, zeigt der Dokumentarfilm »Kultur – Koste es, was es wolle« (Sommer 2015), den man hier in der Arte-Mediathek abrufen kann (Dank an Frau Ries vom Deutschen Kulturrat für den Link).

Lígia Ferro, Sozialwissenschaftlerin aus Lissabon, berichtete auf Schloss Genshagen von einem Projekt aus Portugal, bei dem professionelle Musikerinnen und Musiker mit Schülerinnen und Schülern gemeinsame Sache gemacht haben. Der Deal: Die jungen Technikexperten zeigten den Musikern, wie man zeitgenössisches Aufnahme-Equipment und Sample-Apps (be-)nutzt, und die Musiker gaben den Jugendlichen im Gegenzug kostenfrei Unterricht auf klassischen Instrumenten.

Ein toller Ansatz, wie ich finde: Denn hier wird die Grenze zwischen den sog. Profis und den sog. Laien aufgehoben und es wurde erkannt, dass beide Parteien im gemeinsamen Projekt etwas lernen können – eine klassische Win-win-Situation und eine Begegnung auf Augenhöhe!

Das Ensemble der Gruppe »Hajusom!« aus Hamburg (Foto: Hajusom! / www.hajusom.de)

Diesem Credo folgt auch die Gruppe »Hajusom!«, die im Tagungssaal ihre Stücke »Paradise Mastaz« und »Das Gender_Ding« vorstellten. »Hajusom!« ist 1999 aus einem Theaterprojekt in einem Flüchtlingsheim entstanden und versteht sich als »ein Ort in Hamburg, an dem Kunst und Leben zusammenfließen und wo künstlerisches kollektives Schaffen als das Gegenteil von kultureller, religiöser und politischer Dominanz praktiziert wird.«

Das Schöne an der Arbeitsweise dieser Gruppe ist, dass das Ensemble in kollektiven Prozessen seine Themen findet und diese mit viel Zeit für Entwicklung und in gemeinsamen Rechercheprozessen zu Performances ausbaut. Die Gruppe ist transnational und das Themenspektrum weit gefächert – von Rollenbildern bis zum Klimawandel.

Vertiefende Informationen zum Kongress und zu den Perspektiven Kultureller Bildung im europäischen Kontext gibt es auf der Website der Stiftung Genshagen. Außerdem empfehle ich einen Abstecher auf Kampnagel, der Produktionsstätte von »Hajusom!«, beim nächsten Hamburg-Trip.