KOMET – ZUM TOD VON OLIVER RATH

13. September 2016   |   VON: Michael KaiserKategorie: 2016/2017, Denkraum


Oliver Rath beim Fotoshooting für das Spielzeitheft des Jungen Theaters 2013/14

In der Spielzeitpause erreichte uns die schreckliche Nachricht, dass Oliver Rath gestorben sei. Oliver war seit 2008 Fotograf des Jungen Theaters. Sieben Jahre lang hatten wir das Glück, intensive, durchgeknallte, konzentrierte, witzige, kreative und außergewöhnlich produktive Tage mit ihm und seiner Kamera erleben zu dürfen. Jetzt müssen wir Abschied nehmen, können nur noch zurück und nicht mehr in die Zukunft schauen. Der Blick in die Vergangenheit jedoch lohnt – denn die Bilder und die Bilder hinter den Bildern bleiben.


»Work in progress«, 2013

Als wir uns in unserer dritten Freiburger Spielzeit auf die Suche nach einer neuen Bildwelt für das Junge Theater machten, fiel mir ein ungewöhnlicher Fotograf ein, den ich während der Proben zu unserem Roma-Projekt »Carmen now!« im Jahr 2007 kennengelernt hatte. Bekannt gemacht hatten uns Margarethe Mehring-Fuchs und Ro Kuijpers aus dem künstlerischen Leitungsteam, die ihn aus früheren gemeinsamen Projekten kannten.


Immer voller Einsatz: Beim Shooting für die Spielzeitvorschau 2011/12 im Stadtraum


Oli wollte auch immer, dass die Abgelichteten mit ihren Bildern zufrieden waren.


Das Team in einem Garten am Stadtrand 2011, Motiv »Vorschlaghammer«

Ich fand die Spannbreite zwischen den fragilen Porträts, die bei unserer »Carmen«-Fotosession entstanden waren, und den trashig-verzerrten Bildern, die er auf seinem Blog postete, extrem spannend. Also luden wir ihn zusammen mit einem bunten Haufen Theaterlaboranten aus unseren Projekten in den Werkraum ein, karrten Unmengen von Requisiten und Kostümen an – und improvisierten stundenlang drauf los. Die Bilder verwendeten wir für unser Spielzeitheft und auf dem damals neu eingerichteten Blog.


Oliver Rath und Michael Kaiser (2011)


»Spaceman« – Titelbild der Spielzeitvorschau Theater Freiburg 2011/12

Als Oli später in die Hauptstadt ging, zog er vor allem mit seinen Porträts der Berliner Bohème Aufmerksamkeit auf sich, von Karl Lagerfeld bis Sophia Thomalla. Seine Bilder waren provokant, oft laut und meistens kontrastreich. Es gab da jedoch noch eine andere Seite: Der Oliver Rath, der sehr behutsam mit Kindern vor der Kamera arbeitete. Der Oliver Rath, der genau wusste, wie er nervösen Fotomodellen die Angst nehmen konnte. Der Oliver Rath, der nach einem Shooting mit einer pensionierten Lehrerin erst einmal eine dicke und ausführliche Umarmung zu vergeben hatte. Der Oliver Rath, der neugierig war auf Menschen und sie mit seiner Kamera genau so festhalten wollte, wie er sie sah.


»Du musst dein Ändern leben« (2012)


Fotoshooting 2012 im Werkraum

Dabei ging er nie Kompromisse ein. Oftmals arbeiteten wir unendlich viele Stunden an einem Motiv: Nein, das Licht war noch nicht zu hundert Prozent perfekt. Da gefällt der Blick nicht. Hier stimmt die Haltung nicht …
Und wenn wir das Bild im Kasten hatten, folgte in der Regel mindestens noch eine weitere Runde – »nur zur Sicherheit«, wie Oli immer sagte.

Oli war stets auf der Suche. Vielleicht gab es ja nach dem perfekten Schuss doch noch das eine Bild, das noch zwei Prozent besser war als der vermeintliche Treffer. Diese Leidenschaft war faszinierend. Man hätte diese Akribie einem Menschen wie ihm vielleicht auf den ersten Blick nicht zugetraut.


»Umschichten« – Titelbild des Jungen Theaters 2013/14

In den Pausen erzählte er meinem Team und mir Geschichten. Aus der Großstadt, aus dem Dschungel. Aus seinem Leben fernab der Freiburger Heimat. Dabei blieb er immer erstaunlich bescheiden. Das Catering bestand (auf seinen Wunsch hin) in der Regel aus Pizza mit Paprika, danach ein Cappuccino im Theatercafé. Im Anschluss noch ein Kippchen vor der Tür, dann ging es weiter.


Rath und Kaiser beim Bildercheck (2013)

Oliver Rath wurde nur 38 Jahre alt, er starb vollkommen überraschend im August 2016. Er war ein Mensch, der jeden Augenblick intensiv zu leben wusste. Wenigstens diese Gewissheit bleibt: Dass er in dieser viel zu kurzen Zeit auf Erden wahrscheinlich viel mehr erlebt hat als manch anderer in 70 Jahren. Er war wie ein Komet beim Eintritt in die Erdumlaufbahn. Voller Energie, Tempo ohne Drosselung, ganz und gar im Augenblick. Was nach dem Aufprall passiert? Wird man schon sehen, wenn es soweit ist. Meine Gedanken sind bei seiner Familie, seiner Freundin und den beiden Kindern.

Michael Kaiser, Künstlerischer Leiter Junges Theater
Making-of-Fotos von Johanna Herschel, Maria Herber und Dorothee Annette Kreuzer