FINN-OLE HEINRICH: SCHREIBEN AM SCHNEIDETISCH

30. September 2013   |   VON: Michael KaiserKategorie: 2013/2014

Am kommenden Sonntag eröffnet das Junge Theater seine Spielzeit mit dem Lirum Larum Lesefest. Einer der Höhepunkte ist der Besuch des Autors Finn-Ole Heinrich, der unterstützt von Musiker Schorse aus seinem ausgezeichneten Kinderbuch »Frerk, du Zwerg« lesen wird. Im April 2014 wird Heinrich dann die Protagonistin seiner neuen Jugendbuch-Trilogie »Maulina Schmitt« im Werkraum lebendig werden lassen. Es ist also an der Zeit, Finn-Ole Heinrich einmal genauer über die Schulter zu schauen!

Theater Freiburg, Werkraum, Dezember 2010: Gegen Ende einer gemeinsamen Late-Night-Performance mit dem Musiker Spaceman Spiff erklärt Finn-Ole Heinrich, dass er zum Abschluss aus einem Kinderbuch lesen werde, an dem er derzeit arbeite. Im Publikum: vornehmlich junge Erwachsene Mitte bis Ende Zwanzig – und ein leichter Zweifel. Nach wenigen Absätzen aus »Frerk, du Zwerg« jedoch ist spürbar, dass Heinrich mit seiner Erzählung um den Außenseiter Frerk der Spagat gelungen ist, eine sprachlich gewitzte und überaus charmante Anarcho-Geschichte für Kinder zu schreiben, die auch Erwachsene zu begeistern weiß. Am Ende der Lesung hört man vermehrt Stimmen, die davon sprechen, sich das Buch mit dem Jungen, der ein seltsames Ei findet und aus Versehen Zwerge ausbrütet, unter Garantie zu besorgen, sobald es erschienen sei.
Knapp drei Jahre später ist viel passiert: Heinrich hat als einer der jüngsten Preisträger überhaupt gemeinsam mit seiner isländisch-norwegischen Illustratorin Rán Flygenring den Deutschen Jugendliteraturpreis für »Frerk« gewonnen, sein Debütroman »Räuberhände« ist Abitur-Prüfungsstoff an Hamburgern Gymnasien und zusammen mit Flygenring arbeitet er an der Kinderroman-Trilogie »Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt«.

Geboren wurde Finn-Ole Heinrich 1982 in der Nähe von Hamburg, aufgewachsen ist er in Cuxhaven. Während seines Zivildienstes las er einem Mann, der an einer Art des Locked-in-Syndroms litt, täglich zehn bis zwölf Stunden lang vor. Die Lektüre begann immer mit dem Hamburger Abendblatt und wechselte dann zu Krimis oder Romanen. Heinrich gilt als einer der Autoren, die wirklich gut vorlesen können. Er selbst begründet das mit den unzählbar vielen Stunden Übung, die er in seinem Jahr als Zivi sammeln konnte.
Im Anschluss studierte er Filmregie in Hannover. Kritiker beschreiben immer wieder, dass seine Texte »filmisch« komponiert seien. Heinrich fand diese Einschätzungen anfangs zu naheliegend. Dann jedoch erhielt er auch von Lesern die Rückmeldung, dass es ihnen so vorkomme, als würden sie bei der Lektüre seiner Texte mit einer Kamera durch die Szenen gleiten. Tatsächlich wurde er in seiner Jugend zunächst vor allem durch Filme geprägt. Als er von einem Freund aus der Theater-AG ins Cuxhavener Programmkino zu Michael Haneke mitgenommen wurde, war das für ihn eine Art Offenbarung. Später erlebte er Ähnliches bei Filmen von Lars von Trier. Wenn er heute die Arbeit an seinem ersten Roman beschreibt, umreisst er den Entstehungsprozess mit Begriffen aus dem Film-Jargon, spricht vom »Rohmaterial«, der »Montage am Schneidetisch«, der »Post-Production« und »Farbkorrekturen«.
Bereits während des Studiums erschien sein erster Erzählband »die taschen voll wasser«. Damals war Heinrich 23 Jahre alt. Es folgten der Roman »Räuberhände«, zwei Erzählbände und Audiobooks. 2008 wurde Heinrich Stadtschreiber in Erfurt.

Dass er ein Kinderbuch verfassen würde, war nicht geplant. »Frerk« sei plötzlich in seinem Kopf gewesen und es machte ihm Spaß, zu erkunden, was die Figur ihm zu erzählen habe, auch wenn er zunächst nicht recht einschätzen konnte, wohin diese Ideen führen würden. Schließlich waren sie ganz anders als alles, was er zuvor geschrieben hatte. Es entstanden erste Entwürfe, die jedoch zunächst eineinhalb Jahre in der Schublade verschwanden, bevor die Zusammenarbeit mit Rán Flygenring dazu führte, dass das Projekt konkrete Formen annahm.

Auf »Frerk« folgt nun »Maulina«: Heinrich wird in drei Bänden die Geschichte der elfjährigen Paulina Schmitt erzählen, deren Leben im Zeitraum von drei Sommern – zwischen der Trennung der Eltern, einem ungeliebten Umzug und der Erkrankung der Mutter – komplett auf den Kopf gestellt wird. Der erste Teil (»Mein kaputtes Königreich«) ist im Juli erschienen, den zweiten hat Heinrich soeben beendet und aktuell schreibt er am letzten Band der Reihe.

Lirum Larum Lesefest
Spielzeiteröffnung des Jungen Theaters
Eine Kooperation zwischen dem Kulturamt Freiburg und dem Theater Freiburg
Wie in jedem Jahr beginnen wir die neue Spielzeit des Jungen Theaters fulminant, wenn beim LLL im ganzen Haus fabuliert, gespielt, gesungen, erzählt und geschmökert wird. Diesmal feiern wir Jubiläum: 20 Jahre Lesefest, u.a. mit Finn-Ole Heinrich (»Frerk, du Zwerg«, Deutscher Jugendliteraturpreis 2012), Stefan Gemmel (»Mumienwächter«), der Illustratorin Susanne Janssen und Kirsten Boie (»Der kleine Ritter Trenk«).
So. 6.10.13, ab 12.30 Uhr, Theater Freiburg, Eintritt frei

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