DAS WAR LATENIGHT-SHOW NO. 4

10. Februar 2015   |   VON: RedaktionKategorie: 2014/2015

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Von Speckdrinks, Blasmusik und Käsekuchen …

Der Weihnachtsbraten ist verdaut, die Geschenke sind wahlweise umgetauscht oder gebraucht, nur kalt ist es noch immer: Der Februar überzieht Freiburg mit einer eigentümlichen Mixtur aus Schneematsch und frostigem Sonnenschein. Was bringt Menschen in diesen unwirtlichen Tagen dazu, ihre Höhle zu verlassen und sich ausgerechnet in unsere Region zu verirren? Fragen wir uns und die, die es wissen müssten: Unser Thema sei Tourismus.

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Alles steht und fällt, soviel ist klar, mit dem Gelingen eines kühnen Unterfangens: Ohne die Perspektive eines wirklichen Touristen bleibt uns nur die Reproduktion von Klischees, ohne den Blick von außen nur spröde Nabelschau in einer Sendung, die doch gerade von Fremde und Neugier handeln soll. So postiert sich Tobias am Freitagmorgen auf dem Münsterplatz und versucht einen Reisenden für die abendliche Show zu finden. Die, zugegeben, recht geringen Anreize erschweren die Akquise zwar sehr, doch im Zuge der fast vierstündigen Expedition und Feldforschung lassen sich bereits erste überraschende Differenzen von Realität und eigener Einschätzung aufdecken: Es sind mehr Touristen als gedacht zu dieser Jahres- und Tageszeit. Sie bleiben kürzer als gedacht, im Schnitt einen halben Tag. Sie sind offener und dabei doch typischer als gedacht. Nach ca. 50 höflichen Anfragen durchbricht schließlich ein amerikanisches Lächeln den Teufelskreis aus Zermürbung und geforderter Freundlichkeit mit einem einfachen: »Sure!« Du kommst wirklich in unsere Show? »Yeah, we’re looking for something like that.« Matthew aus Toulouse, verehrtes Publikum!

DJ Spandau (Waldkirch) @ Latenight

Die von Resident DJ Spandaus (Waldkirch) 80er-Beats aufgeheizte Menge schließt unseren Gast von Beginn an ins Herz, er selbst richtet sich mit Bier und Kirschwasser im Scooter ein und begleitet im weiteren Verlauf von dort aus das skurrile Treiben, das sich auf unserer Bühne rund um Freiburgs Sehenswürdigkeit und Folklore entfaltet.

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Da ist zum Beispiel Thomas Laubscher von der Münsterbauhütte, der sich hauptberuflich um den Erhalt des Freiburger Wahrzeichens schlechthin kümmert. Mit der ganzen Souveränität eines Baumeisters lässt er die Herausforderung zum Jenga-Spiel links liegen und erzählt lieber einiges Wissenswertes über die Kathedrale Unserer Lieben Frau, die immerhin so populär ist, dass sie seit ihrem Bestehen von bürgerschaftlichem Engagement getragen wird. Dass sie bei ihrer Größe über die damalige Stadtmauer hinausgestürzt wäre, dass sie für den damaligen Standard ein handwerklich vorbildliches Bauwerk war, all das nehmen wir gerne an Faktenwissen mit, von dem es nie genug sein kann, wie das Publikumsspiel zu Beginn zeigt.

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Und wie nachhaltig ist der Prachtbau wirklich, wo sich doch Freiburgs Tourismus sich so gerne dieses Label verleiht? Der gebürtige Schweizer lässt durchblicken, dass etwa die Wochenendvisite des Papstes anno 2011, in dessen Zuge unter anderem die Münstersüdseite abgerüstet wurde teurer gewesen sei als das geplante neue SC-Stadion. Kritische Töne in der Endphase eines Gesprächs, das wir gerne noch weiter geführt hätten.

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Mitten hinein platzt die Trachtenkapelle St. Ulrich – 16 Musiker*innen in prächtigster Schwarzwaldmontur, die das Publikum im Sturm erobern und mittels Matthews Smartphoneaufnahme schon sicher bald international für Freiburg stehen werden. Fröhlich-traditionelle Musik füllt den Werkraum und den Übergang zu unserem nächsten Gast.

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Boris Gröner von der »Schwarzwald Bar Brigade« mixt weltbekannte Cocktails und Eigenkreationen aus regionalen Produkten. Wie das schmecken kann erfahren einige Auserwählte anhand des live zubereiteten Dr. Drinkmann. In bester Kochshowmanier drapieren und fachsimpeln wir an der Bar über Zusammensetzung und Zutaten, die an dieser Stelle geheim gehalten werden sollen. Dass die Verwendung der Lokalingredienzen über den bloßen PR-Gag hinaus geht und neben politischer Überzeugung auf geschmacklichen Vorteilen basieren kann, davon kann sich auch Matthew überzeugen, dessen frisch erlernte Gretchenfrage »Isch des Bio?« durch die Schlagsahne hindurch ihren Nachdruck einbüßt.

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Und dann ist da noch das große Mysterium des Abends: Angekündigt auf allen Kanälen, mit leuchtenden Augen erwartet als der Mann hinter seinem überregional berühmten Käsekuchen, taucht Stefan einfach nicht auf. Kein Anruf, keine Spur, kein Käsekuchen. Ob es sich um ein Missverständnis oder ein Statement gegen den medialen Starkult handelt, bleibt offen. Gar die Möglichkeit einer Kunstfigur wird erwogen.

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Doch so kommt Boris gegen Ende zu einem unverhofften zweiten Auftritt, mimt kurzerhand den Stefan und beschert uns auf unterhaltsame Weise die ersehnten Erkenntnisse über den legendären Kuchenkönig und Münsterplatzhändler, der mit diesem Abend seinen Mythos um einiges befeuert haben dürfte. Und dank Sophies ausgeprägter Duellierlust kommt das Publikum doch tatsächlich noch in den Genuss eines exzellenten Käsekuchens aus dem Hause Passmann. Vergleich gewonnen, Zuschauer beruhigt.

Die Touri-Spezial-Ausgabe der Show (Foto: R. Muranyi)

Wobei von Ruhe gegen Ende keine Ruhe mehr sein kann: Zum großen Finale spielt noch einmal die Trachtenkapelle auf und schlägt gemeinsam mit DJ Spandau und dem Jazz-Classic »Puttin‘ on a ritz« die viel beschworene Brücke zwischen Tradition und Postmoderne, wir schieben Matthew im Scooter durch den Raum und das Publikum macht sich über Gäste und den verbliebenen Schnaps her. Ein Schlussbild, das jeden ironischen Blick Lügen straft: Ehrlich gepflegte Folklore, Wissenswertes und Unterhaltsames, Skurriles und Verehrtes verdichten sich vor Matthews Augen zu einem vielschichtigen Gesamtbild unserer Stadt. Was könnte man sich als Tourist mehr wünschen?

Wir sehen uns wieder am 24. April zur furios-finalen Abschluss-Show. VVK beginnt in Kürze!

(Sophie Passmann und Tobias Gralke / Fotos: Rainer Muranyi)