Beiträge unter 'Denkraum'

33 BOGEN UND 2 SCHULKLASSEN

25. Oktober 2016 | VON: Michael KaiserKeine KommentareKategorie: Denkraum

Eines ist doch sicher: Will man als Erwachsener einschätzen, wie ein Kinderstück bei jungen Zuschauerinnen und Zuschauern wirklich ankommt – was ihnen gefällt, was sie vermissen, was sie begeistert oder langweilt –, muss man sie selbst befragen. Deshalb laden wir im Entstehungsprozess neuer Produktionen im Jungen Theater stets Kinder oder Jugendliche zu den Proben ein. So auch im Fall von »33 Bogen und ein Teehaus«, ein Stück ab zehn Jahren, das vergangenen Samstag Premiere im Werkraum hatte.

In »33 Bogen und ein Teehaus« lässt die Schauspielerin Stefanie Mrachacz den Roman von Mehrnousch Zaeri-Esfahani lebendig werden: Sie erzählt von Mehrnouschs Kindheit im Iran; davon, wie ihre Familie die Vertreibung des Schahs feiert und dabei nicht ahnt, dass der neue Machthaber Ayatollah Chomeini eine Schreckensherrschaft errichten wird. Sie berichtet, wie Mehrnouschs älterer Bruder in Gefahr gerät, in den Krieg geschickt zu werden, und von der kräftezehrenden Flucht der Familie über Istanbul nach Ost-Berlin in die BRD, wo eine erneute Odyssee durch die Flüchtlingsheime beginnt, bevor die Familie in Heidelberg endlich eine neue Heimat findet.

Eine Woche vor der Premiere war eine kleinere Gruppe, bestehend aus zwölf Testseherinnen und -sehern, zu Gast und unmittelbar vor dem großen Tag X haben wir zwei Klassen mit ihren Lehrerinnen zur 2. Hauptprobe eingeladen. Das macht beinahe 60 Schülerinnen und Schüler. Volle Hütte also.

Als ich gegen 16.38 Uhr den Bühneneingang des Theaters erreiche, um die Schülerinnen und Schüler abzuholen, warten die beiden Gruppen dort schon annähernd zwanzig Minuten. Endproben beginnen einfach sehr selten sehr pünktlich. more_link_text

KOMET – ZUM TOD VON OLIVER RATH

13. September 2016 | VON: Michael KaiserKeine KommentareKategorie: Denkraum


Oliver Rath beim Fotoshooting für das Spielzeitheft des Jungen Theaters 2013/14

In der Spielzeitpause erreichte uns die schreckliche Nachricht, dass Oliver Rath gestorben sei. Oliver war seit 2008 Fotograf des Jungen Theaters. Sieben Jahre lang hatten wir das Glück, intensive, durchgeknallte, konzentrierte, witzige, kreative und außergewöhnlich produktive Tage mit ihm und seiner Kamera erleben zu dürfen. Jetzt müssen wir Abschied nehmen, können nur noch zurück und nicht mehr in die Zukunft schauen. Der Blick in die Vergangenheit jedoch lohnt – denn die Bilder und die Bilder hinter den Bildern bleiben.


»Work in progress«, 2013

Als wir uns in unserer dritten Freiburger Spielzeit auf die Suche nach einer neuen Bildwelt für das Junge Theater machten, fiel mir ein ungewöhnlicher Fotograf ein, den ich während der Proben zu unserem Roma-Projekt »Carmen now!« im Jahr 2007 kennengelernt hatte. Bekannt gemacht hatten uns Margarethe Mehring-Fuchs und Ro Kuijpers aus dem künstlerischen Leitungsteam, die ihn aus früheren gemeinsamen Projekten kannten.


Immer voller Einsatz: Beim Shooting für die Spielzeitvorschau 2011/12 im Stadtraum


Oli wollte auch immer, dass die Abgelichteten mit ihren Bildern zufrieden waren.


Das Team in einem Garten am Stadtrand 2011, Motiv »Vorschlaghammer« more_link_text

DAS WAREN DIE SCHULTHEATERTAGE

19. Juli 2016 | VON: Michael KaiserKeine KommentareKategorie: Denkraum

100 Schülerinnen und Schüler, 7 Schulen zwischen Freiburg und Furtwangen, 4 intensive Tage im Theater Freiburg und im Theater im Marienbad. Am vergangenen Freitag sind die 7. Schultheatertage Freiburg zu Ende gegangen.

Benedikt Grubel hat das Festival mit der Kamera begleitet: Er tummelte sich bei der Eröffnung, hat die neun Gruppen am Labor-Tag in der ganzen Stadt besucht, alle Aufführungen im Kleinen Haus und im Szenenraum gesehen und bei Backstage-Angeboten, offenen Lounges und Mittagessen die Festival-Atmosphäre hinter den Kulissen eingefangen.

SCHULSPUK-AKTE FREIBURG

4. März 2016 | VON: Michael KaiserKeine KommentareKategorie: Denkraum

Eva Plischke, Benedikt Grubel und die legendäre Geistersuchmaschine im Außendiensteinsatz in der Pestalozzi-Schule.

Ein Dienstagmorgen Ende Februar. Erste Unterrichtsstunde in der Pestalozzi-Grundschule im Stadtteil Freiburg-Haslach. Eva Plischke und Benedikt Grubel schieben eine skurrile Maschine durch die Gänge: Eine farbenfrohe, rollbare Gerätschaft mit allerhand Reglern und orangefarbenen Schläuchen, an denen Ohrmuscheln sowie eine Absaugvorrichtung befestigt wurden. Die beiden sind als Außendienstkräfte der »Spukversicherung« im Auftrag des Theater Freiburg unterwegs, um den Schadensmeldungen der Klassen 3b und 3c auf den Grund zu gehen, Proben an den Fundorten zu nehmen und diese zur weiteren Untersuchung in den Werkraum zu überführen.

Die Schülerinnen und Schüler geben den Geistern Namen und halten diese auf Fundort-Meldungsträgern fest.

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Auf der Mädchentoilette wird von der 3b »Kloé, die große Glotzerin« aufgespürt.

Der Fundort wird umgehend gesichert, hinreichend markiert und ausführlich untersucht.

Schule, Spuk, Schadensmeldungen? – Wenn es nach dem Sportunterricht immer Streit in der Umkleide gibt, wenn man mit einem mulmigen Gefühl in den Fahrradkeller geht oder die Gedanken vorne an der Tafel mit abhandenkommen, stimmt etwas mit den schulischen Atmosphären nicht. Störungen dieser Art werden im Projekt »Spukversicherung« bestimmten Ortsgeistern zugeschrieben, denen im Folgenden auf den Grund gegangen wird.

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Passt in jedes Klassenzimmer: die im Schuleinsatz zigfach erprobte Geistersuch- und -saugmaschine

Plischke und Grubel unternehmen je zwei Vor-Ort-Besuche bei jeweils zwei Klassen an drei Schulen in Freiburg und Umgebung. Beim ersten Termin lernen sie die Gruppen kennen und kartografieren gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern das Areal. In die Pläne werden auffällige Bereiche im Gebäude, auf dem Pausenhof oder in der Turnhalle farbig markiert. Rot steht für »negativ besetzt«, grün steht für »positiv wahrgenommen« und gelb für »auffällig, jedoch unbekannt, ob eher gut oder eher schlecht«. more_link_text

KUNST KANN DAS

27. November 2015 | VON: Michael KaiserKeine KommentareKategorie: Denkraum

Schloss Genshagen @ Ludwigsfelde (Foto: Stiftung Genshagen / www.stiftung-genshagen.de)

Rund 20 Kilometer südwestlich von Berlin befindet sich der Ort Ludwigsfelde. Vom 17. bis 18. November 2015 reisten Expertinnen und Experten aus ganz Europa in diese kleine Ortschaft, um sich im Schloss Genshagen bei einer Fachtagung zu den Perspektiven von Kultureller Bildung in Europa auszutauschen. Auf Einladung der Akademie Remscheid und der Stiftung Genshagen nahm auch ich als Künstlerischer Leiter des Jungen Theaters Freiburg an dieser Konferenz teil.

Das Thema »Kulturelle Bildung« ist auf vielen Ebenen und in unterschiedlichen Kontexten intensiv diskutiert worden und beschäftigt auch mein Team und mich seit nunmehr rund zehn Jahren: Wie können Kollaborationen zwischen Schulen und Kultureinrichtungen gestaltet werden, so dass sie über Einzelprojekte (Stichwort: »Projektitis«) hinaus Bestand haben? Wie kann es gelingen, dieses Feld fest in den Curricula der Schulen zu verankern? Welche strukturellen Veränderungen müssen wir in den Systemen »Schule« und »Theater« vornehmen, damit das dauerhaft funktionieren kann?

Kulturelle Bildung in Europa, 17. bis 18. November 2015

Viele werden sich noch an den Film »Rhythm is it!« aus dem Jahr 2004 erinnern: Er dokumentiert den Entstehungsprozess eines Tanzprojektes der Berliner Philharmoniker mit 250 jungen Menschen aus 25 Nationen, die in sechs Wochen Probenzeit Stravinskys Ballett »Le sacre du printemps« unter der Leitung von Sir Simon Rattle erarbeitet haben. In den folgenden Jahren ging ein regelrechter »Rhythm is it!«-Boom durchs Land: Unzählige Theater und Schulen engagierten, oft auch gemeinsam, Choreografen, um die erstaunlichen Prozesse, die im Film festgehalten worden waren, im eigenen Haus zu erleben und die Ergebnisse auf großen Bühnen zu präsentieren.

Auch heute noch fallen in Gesprächen über die Theaterarbeit Schülerinnen und Schülern gerne einmal die Stichworte »Rattle« und »Rhythm«. Dabei hat sich in den letzten Jahren viel getan, und der Grundansatz hat sich vielerorts entscheidend weiterentwickelt. Denn das Problem von Projekten wie »Rhythm« ist ihre Kurzfristigkeit. Häufig sah das in der Praxis nämlich so aus, dass Choreografen wie Aliens in einer Schule landeten, zwei oder drei Wochen bis zum Tag X der Aufführung intensiv mit den Schülern arbeiteten und bereits am Tag nach dem Tag X wieder verschwunden waren. Die Beteiligten blieben mit vielen Fragen zurück, vor allem aber mit dieser: »Wie geht das denn jetzt weiter?«

Kinder aus der Vigelius-Grundschule bei einem Showing für ihre Eltern im Rahmen von »Learning by Moving«.

Auch am Jungen Theater haben wir die Arbeitsweise in diesem Bereich über die Jahre grundsätzlich neu konzipiert. Insbesondere wenn man mit jungen Menschen arbeitet, deren Biografien durch Abbrüche und Diskontinuitäten geprägt sind, ist es elementar, langfristig Vertrauen aufzubauen und das Interesse am gegenseitigen Austausch kontinuierlich unter Beweis zu stellen.

Ein Beispiel von kontinuierlicher, strukturell orientierter Theaterarbeit an einer Schule ist das Projekt »Learning by Moving« meines Kollegen Graham Smith aus der Tanzsparte: Die Kinder erlebten zwei Jahre lang, zeitweise in wöchentlichen Treffen im Theater, wie man die Welt mit dem Körper und durch Bewegung bewusst erschließen kann. Sie lernten ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten spielerisch kennen, wodurch alternative Wissensbestände, das jedes Kind in sich trägt, aktiviert wurden. Was es jedoch zunächst nicht gab, war ein Premierentermin für eine öffentliche Aufführung.

»Learning by Moving« folgte also vielmehr einem künstlerischen Ansatz, der Aspekte des Lernens und regelmäßigen Übens beinhaltete. Es ging darum, die Kinder über die Regelmäßigkeit der körperlichen Praxis und die Souveränität, die sie dabei gewonnen haben, an Erfahrungsbereiche heranzuführen, die über das Bekannte hinausführten. Tanz beinhaltet neben dem Rituellen auch das Unvorhergesehene, Überraschende. Perspektivisch arbeiten wir daran, dass dieses Konzept künftig Umsetzung in weiteren Freiburger Grundschulen und anderen Schultypen findet. more_link_text